Bürohaus Innsbruck- Architekt Karl Heinz, Architekur, Tirol. (original) (raw)
es ist ein bürohaus und hat doch nichts von der stumpfen ernsthaftigkeit, die schon von außen jede arbeitslust herunterschraubt. ein sparmeisterhaus ist es außerdem und auch ein vorzeigemodell, universitätsprofessoren sollen ihre studenten hier zum unorthodoxen planen angeregt haben. kern des bürohauses sind eine reihe gerader stützen am äußeren rand des gebäudes, und eine weitere stützenreihe, die sich in der mitte in der form eines dreiecks von oben nach unten bis in die garage hin erweitert. sie und eine außenwand entlang des liftturms sorgen für die aussteifung des hauses und geben den betondecken der einzelnen stockwerke die nötige stabilität. jedes geschoss ist frei einteilbar, wände konnten hier je nach bedarf flexibel eingesetzt oder weggelassen und damit ein kostenfaktor im schmalen budget eingespart werden.
wie ein hemd ist die glasfassade über diese stützenkonstruktion gestülpt. sie wird von den betondecken gehalten, die am äußeren rand wie hutkrempen aufgebogen sind.
keine abweisend glatte fassade ist das, sondern eine, die an der außenseite unregelmäßig, fast spielerisch durchbrochen ist von günstigen normfenstern mit blauen sonnenrollos – unprätentiös und locker wirkt diese außenhaut.
schon vor ihrer montage hat sich das büroteam gedanken über das fensterputzen gemacht. und dank einem passionierten bergsteiger im team eine fast geniale lösung gefunden. unter dem vordach wurde eine schiene rund um das ganze bürohaus installiert, in die eine leiter mit putzwagen eingeklinkt wurde. ein schlichtes metallkistl, von dem aus zwei arbeiter zuerst die ganze glasfassade montiert haben, jetzt werden damit die fenster geputzt. eine montage mit einem gerüst wäre um vieles teurer gewesen.
die ursprüngliche idee des kreativen teamkollegen fürs fensterputzen soll dabei nicht verschwiegen werden, nämlich ein seil an besagter schiene zu befestigen und mithilfe versierter alpinisten seilauf, seilab die fenster zu putzen – woraus man wieder einmal lernen kann, dass es sich lohnt, auch schräge ideen nicht gleich zu verwerfen.
besonders stolz sind die architekten auf die breiten brüstungen in den sehr verschieden genutzten räumen. laut bauordnung müssten sie 1 meter hoch sein, sie sind aber erstaunlich niedrig und erzeugen so ein völlig neues raumgefühl, holen die umgebung von außen herein ins büro. ein kunstgriff für kenner – wenn man die parapete breiter macht, kann man sie tiefer setzen und darunter alles verstecken, was nötig ist und doch nicht gesehen werden soll: heizung, kabel und steckdosen etwa. »auf intelligente weise regeln brechen« nennt sich die methode. kommt dazu, als zweites motto: »weglassen, was das zeug hält«, kann man auch mit beschränkten mitteln ein einladendes bürohaus bauen.
heinz - mathoi - streli beglücken mit diesem bürobau nicht nur sich und die westliche innsbrucker peripherie, sie führen vor, wie man gleichzeitig sparsam und raumwirksam sein kann. denn zu den schwierigsten aufgaben eines architekten zählt es, sich selbst räumlich überzeugendes zu bescheren; der architekt lebt stets in seinem imaginierten raum, und oft genügt das. wenn dieses gedankenkonstrukt sich aber baulich konkretisieren soll, beginnt die frage nach der repräsentativen ästhetik zu drängen und mit der leistbarkeit der raumschöpfung in konkurrenz zu treten. daß es hier gelungen ist, trotz größter sparsamkeit charakteristische räume zu schaffen, die noch dazu einen typologisch wertvollen beitrag zur büroarbeitswelt leisten und die gemeinsam eine urbane figur für ein noch nicht gefestigtes stadtraumgefüge ergeben, ist nicht nur eine überraschung für tirol; sie hilft generell, die qualitative latte der machbarkeit im österreichischen industriebau wieder um eine marke höher zu legen.
walter m. chramosta
in: architektur & bauforum #162