Volltext Philosophie: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Berlin 1962, Band 23, S. 777-788.: 6. ... (original) (raw)

6. Genesis des industriellen Kapitalisten

[777] Die Genesis des industriellen1070 Kapitalisten ging nicht in derselben allm�hlichen Weise vor wie die des P�chters. Zweifelsohne verwandelten sich manche kleine Zunftmeister und noch mehr selbst�ndige kleine Handwerker oder auch Lohnarbeiter in kleine Kapitalisten und durch allm�hlich ausgedehntere Exploitation von Lohnarbeit und entsprechende Akkumulation in Kapitalisten sans phrase. In der Kindheitsperiode der kapitalistischen Produktion ging's vielfach zu wie in der Kindheitsperiode des mittelaltrigen[777] St�dtewesens, wo die Frage, wer von den entlaufnen Leibeignen soll Meister sein und wer Diener, gro�enteils durch das fr�here oder sp�tere Datum ihrer Flucht entschieden wurde. Indes entsprach der Schneckengang dieser Methode in keiner Weise den Handelsbed�rfnissen des neuen Weltmarkts, welchen die gro�en Entdeckungen Ende des 15. Jahrhunderts geschaffen hatten. Aber das Mittelalter hatte zwei verschiedne Formen des Kapitals �berliefert, die in den verschiedensten �konomischen Gesellschaftsformationen reifen und, vor der �ra der kapitalistischen Produktionsweise, als Kapital quand m�me gelten – das Wucherkapital und das Kaufmannskapital.

�Gegenw�rtig geht aller Reichtum der Gesellschaft erst in die Hand des Kapitalisten... er zahlt dem Grundeigent�mer die Rente, dem Arbeiter den Lohn, dem Steuer- und Zehntenkollektor ihre Anspr�che und beh�lt einen gro�en, in der Tat den gr��ten und t�glich anwachsenden Teil des j�hrlichen Produkts der Arbeit f�r sich selbst. Der Kapitalist kann jetzt als der Eigner des ganzen gesellschaftlichen Reichtums in erster Hand betrachtet werden, obgleich kein Gesetz ihm das Recht auf dies Eigentum �bertragen hat... Dieser Wechsel im Eigentum wurde durch das Zinsnehmen auf Kapital bewirkt... und es ist nicht wenig merkw�rdig, da� die Gesetzgeber von ganz Europa dies durch Gesetze wider den Wucher verhindern wollten... Die Macht des Kapitalisten �ber allen Reichtum des Landes ist eine vollst�ndige Revolution im Eigentumsrecht, und durch welches Gesetz oder welche Reihe von Gesetzen wurde sie bewirkt?�1071

Der Verfasser h�tte sich sagen sollen, da� Revolutionen nicht durch Gesetze gemacht werden.

Das durch Wucher und Handel gebildete Geldkapital wurde durch die Feudalverfassung auf dem Land, durch die Zunftverfassung in den St�dten an seiner Verwandlung in industrielles Kapital behindert.1072 Diese Schranken fielen mit der Aufl�sung der feudalen Gefolgschaften, mit der Expropriation und teilweisen Verjagung des Landvolks. Die neue Manufaktur ward in See-Exporth�fen errichtet oder auf Punkten des flachen Landes, au�erhalb der Kontrolle des alten St�dtewesens und seiner Zunftverfassung. In England daher erbitterter Kampf der corporate towns gegen diese neuen industriellen Pflanzschulen.[778]

Die Entdeckung der Gold- und Silberl�nder in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingebornen Bev�lkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Auspl�nderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzh�ute bezeichnen die Morgenr�te der kapitalistischen Produktions�ra. Diese idyllischen Prozesse sind Hauptmomente der urspr�nglichen Akkumulation. Auf dem Fu� folgt der Handelskrieg der europ�ischen Nationen, mit dem Erdrund als Schauplatz. Er wird er�ffnet durch den Abfall der Niederlande von Spanien, nimmt Riesenumfang an in Englands Antijakobinerkrieg, spielt noch fort in den Opiumkriegen gegen China usw.

Die verschiednen Momente der urspr�nglichen Akkumulation verteilen sich nun, mehr oder minder in zeitlicher Reihenfolge, namentlich auf Spanien, Portugal, Holland, Frankreich und England. In England werden sie Ende des 17. Jahrhunderts systematisch zusammengefa�t im Kolonialsystem, Staatsschuldensystem, modernen Steuersystem und Protektionssystem. Diese Methoden beruhn zum Teil auf brutalster Gewalt, z.B. das Kolonialsystem. Alle aber benutzten die Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwandlungsproze� der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausm��ig zu f�rdern und die �berg�nge abzuk�rzen. Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine �konomische Potenz.

Von dem christlichen Kolonialsystem sagt ein Mann, der aus dem Christentum eine Spezialit�t macht, W. Howitt:

�Die Barbareien und ruchlosen Greueltaten der sog. christlichen Racen, in jeder Region der Welt und gegen jedes Volk, das sie unterjochen konnten, finden keine Parallele in irgendeiner �ra der Weltgeschichte, bei irgendeiner Race, ob noch so wild und ungebildet, mitleidlos und schamlos.�1073

Die Geschichte der holl�ndischen Kolonialwirtschaft – und Holland war die kapitalistische Musternation des 17. Jahrhunderts – �entrollt ein un�bertreffbares Gem�lde von Verrat, Bestechung, Meuchelmord und Niedertracht�1074.[779] Nichts charakteristischer als ihr System des Menschendiebstahls in Celebes, um Sklaven f�r Java zu erhalten. Die Menschenstehler wurden zu diesem Zweck abgerichtet. Der Dieb, der Dolmetscher und der Verk�ufer waren die Hauptagenten in diesem Handel, eingeborne Prinzen die Hauptverk�ufer. Die weggestohlne Jugend wurde in den Geheimgef�ngnissen von Celebes versteckt, bis reif zur Verschickung auf die Sklavenschiffe. Ein offizieller Bericht sagt:

�Diese eine Stadt von Makassar z.B. ist voll von geheimen Gef�ngnissen, eins schauderhafter als das andre, gepfropft mit Elenden, Opfern der Habsucht und Tyrannei, in Ketten gefesselt, ihren Familien gewaltsam entrissen.�

Um sich Malakkas zu bem�chtigen, bestachen die Holl�nder den portugiesischen Gouverneur. Er lie� sie 1641 in die Stadt ein. Sie eilten sofort zu seinem Hause und meuchelmordeten ihn, um auf die Zahlung der Bestechungssumme von 21875 Pfd. St. zu �entsagen�. Wo sie die F��e hinsetzten, folgte Ver�dung und Entv�lkerung. Banjuwangi, eine Provinz von Java, z�hlte 1750 �ber 80000 Einwohner, 1811 nur noch 8000. Das ist der doux commerce!

Die Englisch-Ostindische Kompanie erhielt bekanntlich, au�er der politischen Herrschaft in Ostindien, das ausschlie�liche Monopol des Teehandels wie des chinesischen Handels �berhaupt und des G�tertransports von und nach Europa. Aber die K�stenschiffahrt von Indien und zwischen den Inseln wie der Handel im Innern Indiens wurden Monopol der h�hern Beamten der Kompanie. Die Monopole von Salz, Opium, Betel und andren Waren waren unersch�pfliche Minen des Reichtums. Die Beamten selbst setzten die Preise fest und schanden nach Belieben den ungl�cklichen Hindu. Der Generalgouverneur nahm teil an diesem Privathandel. Seine G�nstlinge erhielten Kontrakte unter Bedingungen, wodurch sie, kl�ger als die Alchimisten, aus nichts Gold machten. Gro�e Verm�gen sprangen wie die Pilze an einem Tage auf, die urspr�ngliche Akkumulation ging vonstatten ohne Vorschu� eines Schillings. Die gerichtliche Verfolgung des Warren Hastings wimmelt von solchen Beispielen. Hier ein Fall. Ein Opiumkontrakt wird einem gewissen Sullivan zugeteilt, im Augenblick seiner Abreise – in �ffentlichem Auftrage – nach einem von den Opiumdistrikten ganz entlegnen Teil Indiens. Sullivan verkauft seinen Kontrakt f�r 40000 Pfd. St. an einen[780] gewissen Binn, Binn verkauft ihn denselben Tag f�r 60000 Pfd. St., und der schlie�liche K�ufer und Ausf�hrer des Kontrakts erkl�rt, da� er hinterher noch einen ungeheuren Gewinn herausschlug. Nach einer dem Parlament vorgelegten Liste lie�en sich die Kompanie und ihre Beamten von 1757 bis 1766 von den Indiern 6 Millionen Pfd. St. schenken! Zwischen 1769 und 1770 fabrizierten die Engl�nder eine Hungersnot durch den Aufkauf von allem Reis und durch Weigerung des Wiederverkaufs au�er zu fabelhaften Preisen.1075

Die Behandlung der Eingebornen war nat�rlich am tollsten in den nur zum Exporthandel bestimmten Pflanzungen, wie Westindien, und in den dem Raubmord preisgegebenen reichen und dichtbev�lkerten L�ndern, wie Mexiko und Ostindien. Jedoch auch in den eigentlichen Kolonien verleugnete sich der christliche Charakter der urspr�nglichen Akkumulation nicht. Jene n�chternen Virtuosen des Protestantismus, die Puritaner Neu-Englands, setzten 1703 durch Beschl�sse ihrer Assembly eine Pr�mie von 40 Pfd. St. auf jedes indianische Skalp und jede gefangne Rothaut, 1720 Pr�mie von 100 Pfd. St. auf jedes Skalp, 1744, nachdem Massachusetts-Bay einen gewissen Stamm zum Rebellen erkl�rt hatte, folgende Preise: f�r m�nnliches Skalp, 12 Jahre und dar�ber, 100 Pfd. St. neuer W�hrung, f�r m�nnliche Gefangne 105 Pfd. St., f�r gefangne Weiber und Kinder 50 Pfd. St., f�r Skalps von Weibern und Kindern 50 Pfd. St.! Einige Dezennien sp�ter r�chte sich das Kolonialsystem an der unterdes aufr�hrerisch gewordnen Nachkommenschaft der frommen pilgrim fathers. Unter englischem Antrieb und Sold wurden sie tomahawked. Das britische Parlament erkl�rte Bluthunde und Skalpieren f�r �Mittel, welche Gott und die Natur in seine Hand gegeben�.

Das Kolonialsystem reifte treibhausm��ig Handel und Schiffahrt. Die �Gesellschaften Monopolia� (Luther) waren gewaltige Hebel der Kapital-Konzentrati on. Den aufschie�enden Manufakturen sicherte die Kolonie Absatzmarkt und eine durch das Marktmonopol potenzierte Akkumulation. Der au�erhalb Europa direkt durch Pl�nderung, Versklavung und Raubmord erbeutete Schatz flo� ins Mutterland zur�ck und verwandelte sich hier in Kapital. Holland, welches das Kolonialsystem zuerst v�llig entwickelte, stand schon 1648 im Brennpunkt seiner Handelsgr��e. Es war

�in fast ausschlie�lichem Besitz des ostindischen Handels und des Verkehrs zwischen dem europ�ischen S�dwesten und Nordosten. Seine Fischereien, Seewesen, Manufakturen[781] �bertraten die eines jeden andren Landes. Die Kapitalien der Republik waren vielleicht bedeutender als die des �brigen Europa insgesamt.�

G�lich vergi�t hinzuzusetzen: Hollands Volksmasse war schon 1648 mehr �berarbeitet, verarmter und brutaler unterdr�ckt als die des �brigen Europas insgesamt.

Heutzutage f�hrt industrielle Suprematie die Handelssuprematie mit sich. In der eigentlichen Manufakturperiode dagegen ist es die Handelssuprematie, die die industrielle Vorherrschaft gibt. Daher die vorwiegende Rolle, die das Kolonialsystem damals spielte. Es war �der fremde Gott�, der sich neben die alten G�tzen Europas auf den Altar stellte und sie eines sch�nen Tages mit einem Schub und Bautz s�mtlich �ber den Haufen warf. Es proklamierte die Plusmacherei als letzten und einzigen Zweck der Menschheit.

Das System des �ffentlichen Kredits, d.h. der Staatsschulden, dessen Urspr�nge wir in Genua und Venedig schon im Mittelalter entdecken, nahm Besitz von ganz Europa w�hrend der Manufakturperiode. Das Kolonialsystem mit seinem Seehandel und seinen Handelskriegen diente ihm als Treibhaus. So setzte es sich zuerst in Holland fest. Die Staatsschuld, d.h. die Ver�u�erung des Staats – ob despotisch, konstitutionell oder republikanisch – dr�ckt der kapitalistischen �ra ihren Stempel auf. Der einzige Teil des sogenannten Nationalreichtums, der wirklich in den Gesamtbesitz der modernen V�lker eingeht, ist – ihre Staatsschuld.1076 Daher ganz konsequent die moderne Doktrin, da� ein Volk um so reicher wird, je tiefer es sich verschuldet. Der �ffentliche Kredit wird zum Credo des Kapitals. Und mit dem Entstehen der Staatsverschuldung tritt an die Stelle der S�nde gegen den heiligen Geist, f�r die keine Verzeihung ist, der Treubruch an der Staatsschuld.

Die �ffentliche Schuld wird einer der energischsten Hebel der urspr�nglichen Akkumulation. Wie mit dem Schlag der W�nschelrute begabt sie das unproduktive Geld mit Zeugungskraft und verwandelt es so in Kapital, ohne da� es dazu n�tig h�tte, sich der von industrieller und selbst wucherischer Anlage unzertrennlichen M�hwaltung und Gefahr auszusetzen. Die Staatsgl�ubiger geben in Wirklichkeit nichts, denn die geliehene Summe wird in �ffentliche leicht �bertragbare Schuldscheine verwandelt, die in[782] ihren H�nden fortfungieren, ganz als w�ren sie ebensoviel Bargeld. Aber auch abgesehn von der so geschaffnen Klasse m��iger Rentner und von dem improvisierten Reichtum der zwischen Regierung und Nation die Mittler spielenden Finanziers – wie auch von dem der Steuerp�chter, Kaufleute, Privatfabrikanten, denen ein gut St�ck jeder Staatsanleihe den Dienst eines vom Himmel gefallenen Kapitals leistet – hat die Staatsschuld die Aktiengesellschaften, den Handel mit negoziablen Effekten aller Art, die Agiotage emporgebracht, in einem Wort: das B�rsenspiel und die moderne Bankokratie.

Von ihrer Geburt an waren die mit nationalen Titeln aufgestutzten gro�en Banken nur Gesellschaften von Privatspekulanten, die sich den Regierungen an die Seite stellten und, dank den erhaltnen Privilegien, ihnen Geld vorzuschie�en imstande waren. Daher hat die Akkumulation der Staatsschuld keinen unfehlbareren Gradmesser als das sukzessive Steigen der Aktien dieser Banken, deren volle Entfaltung von der Gr�ndung der Bank von England datiert (1694). Die Bank von England begann damit, der Regierung ihr Geld zu 8% zu verleihen; gleichzeitig war sie vom Parlament erm�chtigt, aus demselben Kapital Geld zu m�nzen, indem sie es dem Publikum nochmals in Form von Banknoten lieh. Sie durfte mit diesen Noten Wechsel diskontieren, Waren beleihen und edle Metalle einkaufen. Es dauerte nicht lange, so wurde dies von ihr selbst fabrizierte Kreditgeld die M�nze, worin die Bank von England dem Staat Anleihen machte und f�r Rechnung des Staats die Zinsen der �ffentlichen Schuld bezahlte. Nicht genug, da� sie mit einer Hand gab, um mit der andern mehr zur�ckzuempfangen; sie blieb auch, w�hrend sie empfing, ewige Gl�ubigerin der Nation bis zum letzten gegebnen Heller. Allm�hlich wurde sie der unvermeidliche Beh�lter der Metallsch�tze des Landes und das Gravitationszentrum des gesamten Handelskredits. Um dieselbe Zeit, wo man in England aufh�rte, Hexen zu verbrennen, fing man dort an, Banknotenf�lscher zu h�ngen. Welchen Effekt auf die Zeitgenossen das pl�tzliche Auftauchen dieser Brut von Bankokraten, Finanziers, Rentiers, Maklern, Stockjobbers und B�rsenw�lfen machte, beweisen die Schriften jener Zeit, z.B. Bolingbrokes.1077

Mit den Staatsschulden entstand ein internationales Kreditsystem, das h�ufig eine der Quellen der urspr�nglichen Akkumulation bei diesem oder jenem Volk versteckt. So bilden die Gemeinheiten des venetianischen Raubsystems[783] eine solche verborgne Grundlage des Kapitalreichtums von Holland, dem das verfallende Venedig gro�e Geldsummen lieh. Ebenso verh�lt es sich zwischen Holland und England. Schon im Anfang des 18. Jahrhunderts sind die Manufakturen Hollands weit �berfl�gelt und hat es aufgeh�rt, herrschende Handels- und Industrienation zu sein. Eins seiner Hauptgesch�fte von 1701-1776 wird daher das Ausleihen ungeheurer Kapitalien, speziell an seinen m�chtigen Konkurrenten England. �hnliches gilt heute zwischen England und den Vereinigten Staaten. Manch Kapital, das heute in den Vereinigten Staaten ohne Geburtsschein auftritt, ist erst gestern in England kapitalisiertes Kinderblut.

Da die Staatsschuld ihren R�ckhalt in den Staatseink�nften hat, die die j�hrlichen Zins- usw. Zahlungen decken m�ssen, so wurde das moderne Steuersystem notwendige Erg�nzung des Systems der Nationalanleihen. Die Anleihen bef�higen die Regierung, au�erordentliche Ausgaben zu bestreiten, ohne da� der Steuerzahler es sofort f�hlt, aber sie erfordern doch f�r die Folge erh�hte Steuern. Andrerseits zwingt die durch Anh�ufung nacheinander kontrahierter Schulden verursachte Steuererh�hung die Regierung, bei neuen au�erordentlichen Ausgaben stets neue Anleihen aufzunehmen. Die moderne Fiskalit�t, deren Drehungsachse die Steuern auf die notwendigsten Lebensmittel (also deren Verteuerung) bilden, tr�gt daher in sich selbst den Keim automatischer Progression. Die �berbesteuerung ist nicht ein Zwischenfall, sondern vielmehr Prinzip. In Holland, wo dies System zuerst inauguriert, hat daher der gro�e Patriot de Witt es in seinen Maximen gefeiert als das beste System, um den Lohnarbeiter unterw�rfig, frugal, flei�ig und... mit Arbeit �berladen zu machen. Der zerst�rende Einflu�, den es auf die Lage der Lohnarbeiter aus�bt, geht uns hier jedoch weniger an als die durch es bedingte gewaltsame Expropriation des Bauern, des Handwerkers, kurz aller Bestandteile der kleinen Mittelklasse. Dar�ber bestehn keine zwei Meinungen, selbst nicht bei den b�rgerlichen �konomen. Verst�rkt wird seine expropriierende Wirksamkeit noch durch das Protektionssystem, das einer seiner integrierenden Teile ist.

Der gro�e Anteil an der Kapitalisation des Reichtums und der Expropriation der Massen, der auf die �ffentliche Schuld und das ihr entsprechende Fiskalit�tssystem f�llt, hat eine Menge Schriftsteller, wie Cobbett, Doubleday und andre, dahin gef�hrt, mit Unrecht hierin die Grundursache des Elends der modernen V�lker zu suchen.

Das Protektionssystem war ein Kunstmittel, Fabrikanten zu fabrizieren, unabh�ngige Arbeiter zu expropriieren, die nationalen Produktions- und Lebensmittel zu kapitalisieren, den �bergang aus der altert�mlichen in die[784] moderne Produktionsweise gewaltsam abzuk�rzen. Die europ�ischen Staaten rissen sich um das Patent dieser Erfindung, und einmal in den Dienst der Plusmacher eingetreten, brandschatzten sie zu jenem Behuf nicht nur das eigne Volk, indirekt durch Schutzz�lle, direkt durch Exportpr�mien usw. In den abh�ngigen Nebenlanden wurde alle Industrie gewaltsam ausgerodet, wie z.B. die irische Wollmanufaktur durch England. Auf dem europ�ischen Kontinent ward nach Colberts Vorgang der Proze� noch sehr vereinfacht. Das urspr�ngliche Kapital des Industriellen flie�t hier zum Teil direkt aus dem Staatsschatz.

�Warum�, ruft Mirabeau, �so weit die Ursache des Manufakturglanzes Sachsens vor dem Siebenj�hrigen Krieg suchen gehn? 180 Millionen Staatsschulden!�1078

Kolonialsystem, Staatsschulden, Steuerwucht, Protektion, Handelskriege usw., diese Spr��linge der eigentlichen Manufakturperiode, schwellen riesenhaft w�hrend der Kinderperiode der gro�en Industrie. Die Geburt der letztren wird gefeiert durch den gro�en herodischen Kinderraub. Wie die k�nigliche Flotte, rekrutieren sich die Fabriken vermittelst der Presse. So blasiert Sir F. M. Eden ist �ber die Greuel der Expropriation des Landvolks von Grund und Boden seit dem letzten Drittel des 15. Jahrhunderts bis zu seiner Zeit, dem Ende des 18. Jahrhunderts, so selbstgef�llig er gratuliert zu diesem Proze�, �notwendig�, um die kapitalistische Agrikultur und �das wahre Verh�ltnis von Ackerland und Viehweide herzustellen�, beweist er dagegen nicht dieselbe �konomische Einsicht in die Notwendigkeit des Kinderraubs und der Kindersklaverei f�r die Verwandlung des Manufakturbetriebs in den Fabrikbetrieb und die Herstellung des wahren Verh�ltnisses von Kapital und Arbeitskraft. Er sagt:

�Es mag vielleicht der Erw�gung des Publikums wert sein, ob irgendeine Manufaktur, die zu ihrer erfolgreichen Ausf�hrung Cottages und Workhouses von armen Kindern auspl�ndern mu�, damit sie, truppweis sich abl�send, den gr��ten Teil der Nacht durch abgerackert und der Ruhe beraubt werden; eine Manufaktur, die au�erdem Haufen beiderlei Geschlechts, von verschiednen Altersstufen und Neigungen, so zusammenhudelt, da� die Ansteckung des Beispiels zu Verworfenheit und Liederlichkeit fahren mu� –, ob solch eine Manufaktur die Summe des nationalen und individuellen Gl�cks vermehren kann?�1079 �In Derbyshire, Nottinghamshire und besonders Lancashire�, sagt Fielden, �wurde die j�ngst erfundne Maschinerie angewandt in gro�en[785] Fabriken, dicht bei Str�men, f�hig, das Wasserrad zu drehn. Tausende von H�nden waren pl�tzlich erheischt an diesen Pl�tzen, fern von den St�dten; und Lancashire namentlich, bis zu jener Zeit vergleichungsweis d�nn bev�lkert und unfruchtbar, bedurfte jetzt vor allem einer Population. Die kleinen und flinken Finger waren vor allem in Requisition. Sofort sprang die Gewohnheit auf, Lehrlinge (!) aus den verschiednen Pfarrei-Workhouses von London, Birmingham und sonstwo zu beziehn. Viele, viele Tausende dieser kleinen hilflosen Kreaturen, vom 7. bis zum 13. oder 14. Jahr, wurden so nach dem Norden spediert. Es war die Gewohnheit f�r den Meister� (d.h. den Kinderdieb), �seine Lehrlinge zu kleiden, n�hren und logieren in einem Lehrlingshaus nah bei der Fabrik. Aufseher wurden bestellt, um ihre Arbeit zu �berwachen. Es war das Interesse dieser Sklaventreiber, die Kinder aufs �u�erste abzuarbeiten, denn ihre Zahlung stand im Verh�ltnis zum Produktenquantum, das aus dem Kind erpre�t werden konnte. Grausamkeit war nat�rliche Folge... In vielen Fabrikdistrikten, besonders Lancashires, wurden die herzzerrei�endsten Torturen ver�bt an diesen harmlosen und freundlosen Kreaturen, die den Fabrikherrn konsigniert waren. Sie wurden zu Tod gehetzt durch Arbeitsexzesse... sie wurden gepeitscht, gekettet und gefoltert mit dem ausgesuchtesten Raffinement von Grausamkeit; sie wurden in vielen F�llen bis auf die Knochen ausgehungert, w�hrend die Peitsche sie an der Arbeit hielt... Ja, in einigen F�llen wurden sie zum Selbstmord getrieben!... Die sch�nen und romantischen T�ler von Derbyshire, Nottinghamshire und Lancashire, abgeschlossen vom �ffentlichen Auge, wurden grause Ein�den von Tortur und – oft von Mord!... Die Profite der Fabrikanten waren enorm. Das wetzte nur ihren Werwolfshei�hunger. Sie begannen die Praxis der Nachtarbeit, d.h. nachdem sie eine Gruppe H�nde durch das Tagwerk gel�hmt, hielten sie eine andre Gruppe f�r das Nachtwerk bereit; die Tagesgruppe wanderte in die Betten, welche die Nachtgruppe grade verlassen hatte und vice versa. Es ist Volks�berlieferung in Lancashire, da� die Betten nie abk�hlten.�1080[786]

Mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktion w�hrend der Manufakturperiode hatte die �ffentliche Meinung von Europa den letzten Rest von Schamgef�hl und Gewissen eingeb��t. Die Nationen renommierten zynisch mit jeder Infamie, die ein Mittel zu Kapitalakkumulation. Man lese z.B. die naiven Handelsannalen des Biedermanns A. Anderson. Hier wird es als Triumph englischer Staatsweisheit ausposaunt, da� England im Frieden von Utrecht den Spaniern durch den Asientovertrag das Privilegium abzwang, den Negerhandel, den es bisher nur zwischen Afrika und dem englischen Westindien betrieb, nun auch zwischen Afrika und dem spanischen Amerika betreiben zu d�rfen. England erhielt das Recht, das spanische Amerika bis 1743 j�hrlich mit 4800 Negern zu versorgen. Dies gew�hrte zugleich einen offiziellen Deckmantel f�r den britischen Schmuggel. Liverpool wuchs gro� auf der Basis des Sklavenhandels. Er bildet seine Methode der urspr�nglichen Akkumulation. Und bis heutzutag blieb die Liverpooler �Ehrbarkeit� Pindar des Sklavenhandels, welcher – vgl. die zitierte Schrift des Dr. Aikin von 1795 – �den kommerziellen Unternehmungsgeist bis zur Leidenschaft steigere, famose Seeleute bilde und enormes Geld einbringe�. Liverpool besch�ftigte 1730 im Sklavenhandel 15 Schiffe, 1751: 53, 1760: 74, 1770: 96 und 1792: 132.

W�hrend sie die Kindersklaverei in England einf�hrte, gab die Baumwollindustrie zugleich den Ansto� zur Verwandlung der fr�her mehr oder minder patriarchalischen Sklavenwirtschaft der Vereinigten Staaten in ein kommerzielles Exploitationssystem. �berhaupt bedurfte die verh�llte Sklaverei der Lohnarbeiter in Europa zum Piedestal die Sklaverei sans phrase in der neuen Welt.1081

Tantae molis erat, die �ewigen Naturgesetze� der kapitalistischen Produktionsweise zu entbinden, den Scheidungsproze� zwischen Arbeitern und Arbeitsbedingungen zu vollziehn, auf dem einen Pol die gesellschaftlichen[787] Produktions- und Lebensmittel in Kapital zu verwandeln, auf dem Gegenpol die Volksmasse in Lohnarbeiter, in freie �arbeitende Arme�, dies Kunstprodukt der modernen Geschichte.1082 Wenn das Geld, nach Augier, �mit nat�rlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt�1083, so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend.1084