Herr, gib uns Integrales, doch ohne den Rummel: Eine Besprechung von �Integrale Spiritualit�t�, Frank Visser (original) (raw)

INTEGRAL WORLD: EXPLORING THEORIES OF EVERYTHING

Ein Forum f�r eine kritische Diskussion �ber die integrale Philosophie von Ken Wilber

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Eine Besprechung von �Integrale Spiritualit�t�

Frank Visser

Ken Wilbers neuestes Buch Integrale Spiritualit�t , das letzten Monat ver�ffentlicht wurde, war schon begierig von einer weiten Schar von Lesern erwartet worden. Denn sein letzter theoretischer Beitrag datiert auf 2000 zur�ck, als Integrale Psychologie ver�ffentlicht wurde. Es w�rde die erste Ver�ffentlichung sein, die die Phase �Wilber-5� �ber integrales Denken markieren sollte (weil der zweite Band der Kosmos-Trilogie immer noch der Ver�ffentlichung harrt).

Jenes Buch, Integrale Psychologie , hatte �brigens eine lange Inkubationszeit. Schon 1982 k�ndigte Wilber ein zweib�ndiges Handbuch an, das versuchsweise Selbst und Struktur genannt wurde, das ein nachhaltiger Blick auf die Grundkategorien der Psychologie sein w�rde (Lernen, Entwicklung, Repression etc.), aus dem (damals) transpersonalen (jetzt integralen) Blickpunkt. Aus verschiedenen Gr�nden ist dieses Handbuch niemals geschrieben worden. In Das Auge des Geistes , das 1997 erschien, bezog er sich humorvoll darauf als das �Buch, das ich seit 15 Jahren nicht-schreibe.� Schlie�lich wurde Integrale Psychologie als eine schnelle �bersicht �ber seine Hauptgrunds�tze vorgelegt, daher konnte es in den Band IV der Gesammelten Werke einbezogen werden (herausgegeben 2000).

Pers�nlich war ich ziemlich entt�uscht von diesem Buch. Es war voll von Wilbers Lieblingsthemen – Die Geschichte der westlichen Kultur, die vier Quadranten, Spiraldynamik, ber�hmte historische Psychologen etc – es hatte nur wenig Bezug auf das gegenw�rtige akademische Feld der Psychologie, au�er einer Handvoll von bevorzugten entwicklungsm��igen Quellen. W�hrend es einen breiten Handlungsspielraum hatte, versagte es beim Ansprechen von Fragen der Forschung, Gebieten der Kontroverse innerhalb der Psychologie und neuesten Ans�tzen, die w�hrend der letzten Dekaden in diesem weiten Feld unternommen wurden. Es widerspiegelte einen mitrei�enden Schreibstil, einen dr�ngenden Geisteszustand, der f�r Wilber in den letzten Jahren typisch geworden ist. Als eine Konsequenz versagte es dabei, als ein Text zu dienen, der von den Professionellen und Forschern im Feld der Psychologie aufgenommen w�rde.

Als daher Integrale Spiritualit�t als Titel f�r Wilbers n�chstes Buch angek�ndigt wurde, hatte ich einige Bedenken gegen�ber jenem Projekt. W�rde es das Feld der Religion und Spiritualit�t abdecken mit einem Auge f�r die gro�e Vielfalt ihrer Ausdrucksweisen? W�rde es das diskutieren, was die Gelehrten im Feld der vergleichenden Religionswissenschaft und der Religionssoziologie zu einem besseren Verst�ndnis der spirituellen Dimension beigetragen haben? W�rde es integral sein in der wahren Bedeutung von umfassend? Oder w�rde es doch nur eine weitere schnelle �Verwertung� von Wilbers Hauptlehrs�tzen sein, in einem fiebrigen Stil geschrieben, voller Wiederholungen und Hinweisen auf Wilbers andere Schriften? Leider stellte sich heraus, dass dies der Fall war.

Im Gro�en und Ganzen ist Integrale Spiritualit�t entt�uschend, sowohl im Stil als auch im Inhalt. Nat�rlich enth�lt es zweifelsohne ebenso wirklich anregende Ideen, daher werden wir uns denen im zweiten Teil dieser Besprechung zuwenden.

Einige stilistische �rgernisse

Lassen Sie uns zuerst den Stil nehmen und das dann aus dem Weg r�umen. Es gibt ein paar Dinge, die ein leichtes Lesen des Haupttextes behindern. Wie die Franzosen sagen: C'est le ton qui fait la musique – es ist der Ton, der die Musik macht. Ich w�rde diesen Aspekt niemals erw�hnen, wenn er nicht so offensichtlich w�re, wenigstens f�r mich.

Eine solide Kontrolle des Herausgebers h�tte dieses Buch so viel besser gemacht. Doch genug davon. Nat�rlich hat das Buch ebenso Substanz in sich. Lassen Sie uns nun auf diesen Punkt kommen. Welche sind die Hauptthesen des Buchs, und wie gut wird f�r sie argumentiert? Werden sie durch empirische Beweise unterst�tzt? Oder werden sie einfach als Wahrheit festgestellt?

Einige wesentliche Punkte

Das Hauptargument

Die Kernthese von Integrale Spiritualit�t ist, dass Spiritualit�t dem Untergang geweiht ist, wenn sie nicht mit den Forderungen der Moderne und besonders der Postmoderne ins Reine kommt. Doch sie muss daf�r einen Preis zahlen: sie muss ihre Metaphysik aufgeben–Denn die ist etwas, was sowohl die Moderne als auch die Postmoderne �intensiv missbilligen�. Doch f�r Wilber ist das gar kein gro�es Opfer, denn wie er zuversichtlich zugibt, k�nnen die wesentlichen Wahrheiten der Spiritualit�t mit den Ergebnissen der Moderne und Postmoderne auf dem Laufenden gehalten werden. Und was noch mehr ist, diese �postmetaphysische� Ann�herung an die Spiritualit�t ist ein �angepassteres� Behandeln des Feldes.

Das bringt das Bild eines Integralen Runden Tisches in den Sinn, zu dem sowohl die Vormoderne wie auch die Moderne und Postmoderne eingeladen sind, um ihre jeweiligen Beitr�ge zu diskutieren:

Abbildung 1 � Die Konferenz des Runden Tisches der integralen Theorie

Gem�� Wilber und im Gegensatz zur verbreiteten Ansicht ist der gr��te Feind der Spiritualit�t nicht die Naturwissenschaft gewesen – diese Dom�nen ignorieren sich ohnehin gegenseitig – sondern die Kulturwissenschaften, ein Feld, das von der Postmoderne in den vergangenen Jahrzehnten dominiert wurde. Und die eine Sache, die die Postmoderne aufgedeckt hat, ist gem�� Wilber, dass die spirituellen Traditionen immer noch hartn�ckig an den �Mythos des Gegebenen� glauben, das bedeutet, dass sie ihre Glaubenss�tze f�r die einfache Wahrheit halten.

Viele Fragen werden durch diese Strategie zur �Rettung� der Spiritualit�t erhoben: wie sollte diese neu-interpretierte Spiritualit�t mit den Dom�nen von Naturwissenschaft und Kulturwissenschaft zusammenleben? Und wird diese Neu-Interpretation der Tiefe der Spiritualit�t selbst gerecht, nicht nur psychologisch sondern ebenso kosmologisch? Und ist die Anschuldigung an die Spiritualit�t durch die Kulturwissenschaften nicht ein klarer Fall von Quadranten-Absolutismus (ein Viertel der Wahrheit f�r die gesamte Geschichte zu halten)? Sollte die Spiritualit�t nicht die Angriffe von den Kulturwissenschaften (und der Naturwissenschaft) parieren, indem sie offen und furchtlos feststellt, dass sie einen gro�en blinden Fleck haben: die Existenz der Innerlichkeit, die nicht reduzierbare Erfahrung, ein Selbst zu sein?

Was genau ist den �berhaupt das Verbrechen, das die spirituellen Traditionen in den Augen der Kulturwissenschaften begangen haben? Ist das nicht etwas mehr als die Tatsache, dass eine Unmenge unserer individuellen religi�sen Glaubensinhalte und Erfahrungen eine starke kulturelle Komponente haben?

Erstens glauben viele religi�se Menschen ohnehin an das, was ihre Eltern sie gelehrt haben. Doch zweitens sind Generationen von Gl�ubigen auf diese oder jene religi�se Glaubensrichtung konditioniert worden. Und es ist so, dass Religionen dazu neigen, ihre Glaubensinhalte als die absolute Wahrheit anzusehen, wenigstens sehen ihre fundamentalistischen Abteilungen das so. Typischerweise differenziert Wilber (nicht mehr?) zwischen mythisch-buchstabengl�ubigen Fundamentalisten und liberaleren oder mystisch religi�sen Leuten. Er packt sie jetzt alle zusammen in die Kategorie der �Vormoderne� und sieht sie an als an verfallenen metaphysischen Glaubensinhalten festhaltend. Doch da gibt es eine Welt von Unterscheidung zwischen dem pr�rationalen Fundamentalisten und dem postrationalen Mystiker oder Esoteriker!

Man fragt sich ebenso, ob die �Postmetaphysik� so viel von einer Revolution ist, wenn man die Tatsache bedenkt, dass jeder moderne Prediger nicht l�nger an den Himmel glaubt. Er oder sie hat die Tatsache akzeptiert, dass Religion gerade eine diesweltliche, psychologische Angelegenheit ist. Reduziert Wilber daher die Tradition der ewigen Philosophie auf eine (post)moderne, psychologische Ansicht?

Acht urspr�ngliche Perspektiven

Die ersten Kapitel des Buches betreffen einen gr��eren neuen theoretischen Ansatz in der integralen Theorie. Wilbers ber�hmte vier Quadranten, die aus ihrer ersten Beschreibung in Sex, Ecology, Spirituality (1995) stammen, werden weiterhin unterteilt in acht �urspr�ngliche Perspektiven�. Anstelle der Klassifizierung von naturwissenschaftlichen Ann�herungen in vier fundamentale Kategorien, bekommen wir jetzt acht von denen. Die Idee von Perspektiven an sich ist jetzt in Wilbers Denken sehr prominent geworden, so sehr, dass seine neue intellektuelle Phase Wilber-5 genannt wird.

Abbildung 2 � Die acht Kategorien naturwissenschaftlicher Forschung

Eine anekdotische Nebenbemerkung: die allererste Bemerkung einer f�nften Phase wurde im Forum der Integralen Welt von einem Mitarbeiter vorgeschlagen, und als ich das Wilber gegen�ber erw�hnte, gab er mir seinen Standardton der �Falschdarstellung�. Allm�hlich begannen mehr Leute, diese neuen Gedanken zu bemerken und Wilber wurde mit der Idee vertraut. Im Vorwort zu meinem Buch Ken Wilber: Thought as Passion (SUNY Press, 2003), stellte er fest: �Ich werde oft gefragt, ob es eine Phase-5 am Horizont gibt, und ich bin mir nicht ganz genau sicher dar�ber, was ich dazu sagen soll.� Doch gegenw�rtig ist Wilber-5 ganz in der Mode und das Kritisieren von Ideen aus der Periode Wilber-4 oder fr�her wird als r�ckst�ndig angesehen. Na ja.

Nach meiner Meinung ging es bei AQAL wirklich vom Beginn an um Perspektiven! Denn ein menschliches bewusstes Wesen kann studiert werden und ist studiert worden aus vier unterschiedlichen Perspektiven : Seine individuell-�u�ere Dimension (Gehirnwissenschaft, Verhaltensforschung), seine individuell-innere Dimension (Ph�nomenologie), doch ebenso muss man die Weise beachten, wie seine individuelle Bewusstseinserfahrung durch die Kultur und Gesellschaft konditioniert wird, in der lebt.

Auf diese Weise wurden vier anscheinend nicht verwandte Felder der Sozial- und Naturwissenschaft in ein einziges Rahmenwerk zusammengebracht. Diese interdisziplin�re Ann�herung war jedoch ein Triumph der Klassifikation , viel weniger als Erkl�rung oder Klarstellung. Wir wissen immer noch nicht, wie die genauen Interaktionen zwischen den vier Quadranten aussehen. Man kann jetzt unschwer auf die Tatsache hinweisen, dass sowohl Naturwissenschaft, Soziologie als auch Kulturwissenschaften versucht haben, das menschliche Bewusstsein auf sein Eingebettetsein in die k�rperliche oder soziokulturelle Dimension zu reduzieren. Das pflegte nur bis zu einem gewissen Ausma� zu funktionieren, indem es die nicht reduzierbare Selbsterfahrung unber�hrt lie�. Doch diese Reduzierung selbst scheint Teil und Paket jedes naturwissenschaftlichen Versuchs zur Erkl�rung zu sein.

Wilbers Verfeinerung in acht Perspektiven demonstriert zum Beispiel, dass die individuell-innere Dom�ne auf zwei verschiedene Weisen studiert werden kann: von der Innenseite (was er als Zone #1 benennt), als ein pers�nliches, existenzielles Gef�hl vom Selbst und von der Au�enseite (die so genannte Zone #2), als eine objektivere, theoretisierende Bem�hung. Wilber behauptet, es sei nur die letztere Ann�herung, die die Stufen der Entwicklung entdeckt hat, die f�r das introspektive Auge unsichtbar seien (man k�nnte hinzuf�gen: Zone #1 selbst kann von der Innenseite studiert werden, introspektiv, und von der Au�enseite durch Theoretisieren �ber die introspektive Erfahrung (was nicht dasselbe ist wie das Theoretisieren �ber Strukturstufen).

Wie dem auch sei, diese neue Innovation ist ein implizites Bekenntnis, dass nicht alles in Ordnung war mit den Quadranten an der integralen Front. Wie die langatmigen Debatten im Integral World reading room beweisen, ist das Konzept der Quadranten (und der Holons) von Zweideutigkeiten durchsetzt. Schon 2002 hat Mark Edwards den Begriff der Perspektiven betont, indem er von AQAL als einer "Linse" sprach, durch die alles studiert werden kann ( anstelle eines Attributs von Holons). Andere Autoren haben ausf�hrlich auf weitere Widerspr�che in den integralen Kernkonzepten hingewiesen, Wilber wollte jedoch nichts davon h�ren.

Das Wilber-Combs Gitterwerk

In Wilber-5 ist die fr�here Betonung von Entwicklungsstufen durch eine Betonung von Bewusstseinszust�nden ersetzt worden. In seinen fr�heren Werken hat Wilber selten die Bewusstseinszust�nde erw�hnt oder hat sie selten angesprochen. Im Grunde schlafen und tr�umen alle biologischen Organismen (wenigstens die h�heren S�ugetiere, wie etwa Katzen und K�he), was ist daher das gro�e Gesch�ft? Das hat sich nun ge�ndert. Wilber behauptet jetzt, dass mystische Bewusstseinszust�nde eine Abwandlung der nat�rlichen Zust�nde sind, die allen Lebewesen verf�gbar seien:

NAT�RLICHER ZUSTAND SPIRITUALIT�T
TIEFSCHLAF FORMLOSE MYSTIK
TR�UMEN G�TTLICHE MYSTIK
WACHZUSTAND NATURMYSTIK

Wilber bekennt jedoch:

�Die Zusammenh�nge, die ich jetzt zusammenfasse, sind in sich selbst umstritten und schwierig zu beweisen. Doch wir werden sie einfach [sic!] im Moment �bernehmen.�

Wenn �berhaupt, dann k�nnte Wilber hier von Mark Edwards sorgf�ltigem zweiteiligem Essay �ber das Zust�nde-Thema profitiert haben. . Edwards f�hrt im einzelnen ein Dutzend Forschungsfelder auf, die zeigen, wie �umstritten� Wilbers Ansichten �ber diese Punkte sind. Durch das Ignorieren dieses Feedbacks und indem er es den Lesern verbirgt, schw�cht Wilber die These, die er aufzustellen versucht. Edwards erkl�rt als seine Meinung, dass �die gegenw�rtige integrale Theorie der Zust�nde eine sehr ernsthafte Reinigung ben�tigt�. Doch das alles scheint auf Wilber keinen Eindruck zu machen.

Der theoretische Hauptteil des Buches besteht aus dem so genannten Wilber-Combs Gitterwerk (oder der Matrix), das versucht die Beziehung zwischen Entwicklungsstufen und Bewusstseinszust�nden zu erkl�ren. Lassen Sie uns Wilbers fr�here Ansichten von diesem Thema wiederholen, damit wir seine gegenw�rtigen Bemerkungen angemessener wertsch�tzen k�nnen.

Von seinen fr�hen Werke angefangen hat Wilber die Hypothese aufgestellt, dass menschliche Wesen durch Entwicklungsstufen hindurchgehen, vom Pr�personalen zum Personalen. Wie k�nnen wir Spiritualit�t innerhalb dieses Rahmenwerks begrifflich fassen? Wilber schlug vor, dass diese Dom�ne als transpersonale Entwicklungsstufen angesehen werden k�nnen, indem er ein volles Spektrumsmodell der Entwicklung schafft, dabei sowohl die konventionellen als auch die kontemplativen Dom�nen einbeziehend. Menschen k�nnen kurzfristige �Gipfel�-Erfahrungen h�herer Zust�nde haben, doch erst wenn �Zust�nde Wesensz�ge werden�, k�nnen sie vollst�ndig den h�heren Entwicklungsebenen angepasst werden. �Zust�nde werden Wesensmerkmale� wurde der ber�hmte Ausspruch in integralen Kreisen.

Au�erdem unterschied Wilber weiterhin zwischen dem durchschnittlichen Entwicklungsmodus, der typisch f�r eine beliebige Kultur oder Epoche ist und dem fortgeschrittenen Modus, der nur in h�her entwickelten Individuen angetroffen wird, wie etwa Yogis oder Mystikern. Auf diese Weise konnte er der Kritik begegnen, dass vormoderne Kulturen Beispiele von h�her fortgeschrittenen Formen der Mystik gezeigt haben. Es war nicht so, dass das durchschnittliche Mitglied jener Kulturen ein Mystiker war, weit gefehlt, es war nur der seltene individuelle Yogi, der diese Ebenen erreicht hatte. Und obschon vormoderne Kulturen unsere besondere Form der moderneren Entwicklungsstufen nicht gekannt haben m�gen, wie etwa die Zentaurstufe der K�rper/Geist-Integration, hatten sie sicherlich ihre eigene Weise, das zu erlangen (z.B. Hatha-Yoga).

In Integrale Spiritualit�t identifiziert Wilber zwei Probleme bei seiner Sichtweise:

�Muss man sich wirklich durch alle von Loevingers Stufen hindurcharbeiten, um eine spirituelle Erfahrung zu machen? Wenn man eine Erleuchtungs-Erfahrung hat, wie sie vom Heiligen Johannes vom Kreuz beschrieben wurde, heisst das denn, dass man durch alle 8 Gravesschen Werteebenen hindurchgegangen ist? Das h�rt sich nicht ganz richtig an.� (S.8)

Doch gewiss k�nnen mystische Zust�nde als eine Vorschau auf h�here Stufen betrachtet werden, ein zeitweiliger Zugang zu h�heren Ebenen des Seins und Wissens, jedoch noch nicht andauernd bewohnt?

Das zweite Problem mit dieser Sichtweise gem�� Wilber ist:

�Wenn �Erleuchtung� (oder irgendeine Weise von unio mystica ) wirklich ein Durchgehen durch alle jene 8 Stufen bedeutet, wie konnte dann irgendwer vor 2000 Jahren erleuchtet werden, da doch einige dieser Stufen, wie etwa die systemische Globale Sichtweise neuerlich aufgetaucht sind?"

Wiederum konnten vormoderne Weise ihre eigenen Entsprechungen dieser �neuerlichen� Stufen gekannt haben, so etwa die Sichtweise der Existenz als Indras Netz oder das Boddhisattva-Gel�bde, was eine h�chste Entwicklungsbezeichnung der Wechselbeziehung aller Wesen beinhaltet.

Was tats�chlich Wilber veranlasste, seine Ansichten �ber Spiritualit�t zu ver�ndern, war die �Tatsache�, dass (wie es mehrere Male in Integrale Spiritualit�t dargelegt und umschrieben wurde):

�Hier ist die allgemeine Idee. Der wesentliche Punkt muss mit der Wahrnehmung beginnen, dass wie wir fr�her bemerkt (und betont) haben, weil die meisten meditativen Zust�nde Variationen der nat�rlichen Zust�nde des groben Wachens, subtilen Tr�umens und der kausalen Formlosigkeit sind, dann sind sie gegenw�rtig oder k�nnen gegenw�rtig sein auf buchst�blich allen Stufen des Wachstums, weil sogar die fr�hesten Stufen wachen, tr�umen und schlafen." (S. 89)

Sieht man Zust�nde und Stufen als zwei unabh�ngige Dimensionen, dann kann eine Matrix mit 24 �stufeninterpretierten Stufen-Erfahrungen� aufgestellt werden:

Abbildung 3 - Das Wilber-Combs Gitterwerk: Zust�nde und Stufen integrierend

Ein paar der Kommentare zu dieser Darstellung sind in Ordnung. Erstens zeigt dieses Diagramm nicht die mystischen oder transpersonalen Strukturstufen, doch woanders im Buch gibt Wilber zu, dass er immer noch an dieser Bemerkung festhalten will. Doch das w�rde das gesamte Bild ver�ndern! Weshalb sollen die also ausgelassen werden? (Bemerkung: das o.a. Diagramm ist aus dem Manuskript von �Integrale Spiritualit�t� genommen worden; die publizierte Version enth�lt eine zus�tzliche �berschrift, die �super-integral� benannt wird, ohne jede weitere Beschreibung. Das ist offensichtlich eine Nachbesserung des Modells in letzter Minute. Es best�tigt nur die folgenden Fragen). Geht die Entwicklung noch immer auf diese mystischen Strukturstufen zu oder nicht?? Oder ist Spiritualit�t jetzt �berhaupt eine unabh�ngige Dimension, in die man sich einst�pseln kann von jedweder Entwicklungsstufe, in der wir zuf�llig sind ? Wilber scheint das jetzt fest zu glauben, angesichts von S�tzen wie etwa �alle Zust�nde k�nnen nahezu aus allen Sufen betreten werden�. (Der Teil �nahezu� ist nat�rlich besonders interessant).

Die Tatsache, dass alle 24 Zellen im Wilber-Combs Netzwerk einen gleichgro�en Knoten oder eine ebensolche Kugel zeigen, kommt mir doch ziemlich unrealistisch vor. Es w�re genauer gewesen (doch das ist wirklich eine Sache der Erforschung), wenn die Gr��e dieser Knoten die Wahrscheinlichkeit jenes besonderen Typs von Spiritualit�t widerspiegelte. Geschieht eine subtile Erfahrung wirklich gleich wahrscheinlich innerhalb eines magischen mentalen Modells verglichen mit einem integralen? Und wenn nicht, f�hrt das dann nicht den Gedanken der Linearit�t wieder ein, wo die h�heren Stufen irgendwie n�her an den h�heren Zust�nden sind? Wie Wilber zugibt, scheint wenigstens in der Geschichte eine solche Linearit�t im Gange gewesen zu sein. Durch die Geschichte hindurch scheinen sich die mystischen Erfahrungen der Menschen durch die psychischen, subtilen, kausalen und nichtdualen Stufen vorangearbeitet zu haben�

Das wird alles sehr, sehr kompliziert (doch das mag nicht Wilbers Fehler sein). Wir haben: nat�rliche Traumzust�nde, subtile Zust�nde, subtile Zustandsstufen und subtile Strukturstufen (bei denen sich oben herausstellt, dass der Ausdruck �subtil� sich technisch blo� auf den subtilen K�rper bezieht, wie Wilber auf S.74 feststellt). Sind Sie noch dabei? Und was auf der Welt ist ein subtiler K�rper? Um die Dinge noch schlimmer zu machen, versucht Wilber den Leser davon zu �berzeugen, dass der subtile K�rper gem�� den Weisheitstraditionen �einfach [sic!] ein Modus der Erfahrung oder ein energetisches F�hlen bedeutet� (S.16), damit verwechselt er f�rchterlich den oberen linken mit dem oberen rechten Quadranten. Wenn �berhaupt, dann werden subtile K�rper gesehen , nicht gef�hlt (kein Hellsehender kann seine eigene Aura sehen.

Wilber scheint ebenso mit Doppeldefinitionen zu spielen. Manchmal wird der Ausdruck �subtil� f�r die allgemeine Kategorie von �Traumzust�nden� ben�tzt, der wirkliche Tr�ume beinhaltet, jedoch auch Tagtr�ume und vision�re Erfahrungen. Manchmal wird er jedoch auf einen gewissen mystischen Bewusstseinszustand beschr�nkt. Wenn man diese Bedeutungen vermischt, ist es verwirrend zu sagen, dass man die subtile (mystische) Stufe von �nahezu� jeder Stufe erreichen kann, �einfach weil man schl�ft und tr�umt.� In der Lage zu sein, schlafen und tr�umen zu k�nnen, mag wohl eine notwendige Bedingung sein, ist es jedoch ebenso eine ausreichende? Dann w�rden sogar Katzen und K�he in der Lage sein, erleuchtet zu werden! Ich w�rde sagen, dass das �berhaupt nicht einfach ist, und es anderweitig anzudeuten, ist einfach zu simpel.

Als ich mich an Alan Combs – den Mitsch�pfer des Wilber-Combs Gitterwerks – per E-Mail mit ein paar dieser Fragen wandte, lehnte er es sogar ab zu versuchen, sie zu beantworten. Nach seine Meinung war das Modell noch sehr, sehr provisorisch. Combs pr�sentiert diese Ideen tats�chlich gro�en Konferenzen �ber Bewusstseinsstudien, wie etwa der Tucson-Konferenz alle zwei Jahre. Wenigstens sind ihm alternative Sichtweisen bewusst, die m�glicherweise seine Sicht von diesen neuen Vorschl�gen bescheiden anf�hlen lassen.

Spiraldynamik �berdacht

In Integrale Psychologie , wurden einige der Kernkonzepte der Spiraldynamik von Wilber enthusiastisch umarmt, in Integrale Spiritualit�t scheint diese Heirat jedoch beendet zu sein. In einer langen Fu�note (auf S.86-87) erkl�rt Wilber, dass die SD nach seiner Meinung immer noch gut als ein Einf�hrungsmodell ist, sie ist jedoch kein umfassendes. Wilber hat jetzt seine eigene Sorte von Farbenstufen geschaffen, indem er einige der SD-Farben im Prozess neu eingef�rbt hat (vor allem Blau ist Bernsteingelb geworden, Gelb ist Aquamarin geworden und einige zuk�nftige Farben sind ebenso hinzugef�gt worden: Indigo, Violett, Ultraviolett und Klares Licht (siehe Diagramm gegen�ber von Seite 68).

Dieses neue Modell schafft einige SD-Kernaussagen ab, etwa den Unterschied zwischen kalten und warmen Farben (was tats�chlich zuerst die Spiralbewegung schuf), die psychologischen Assoziationen, die die Farben zu haben pflegen (Blau = Wahres Blau = Fundamentalismus etc.). Wilbers neue Farbenmarke schl�gt eine n�here Beziehung zu den Naturgesetzen vor (er ist tats�chlich zum Spektrum der Lichtmetapher zur�ckgekehrt, die ihn anleitete, als er 1977 sein erstes Buch schrieb, The Spectrum of Consciousness) . Das ist aber nat�rlich sehr spekulativ und die originalen SD-Autoren haben ihren Gebrauch von Farben klar getrennt sowohl von den Spektralfarben als auch von denen, die traditionell mit den Chakras verbunden werden. (Interessantes Lesematerial �ber diesen Punkt kann gefunden werden auf der FAQ Seite von Chris Cowans spiraldynamics.org Webseite).

Diese theoretische Uneingkeit hat dazu gef�hrt, sich mit Don Beck zu entzweien, besonders als Beck das Ziel von Wilbers Wut in der infamenWyatt Earp Episode war, genauso wie ich es war. Als interessierter Beobachter von au�en wird man wirklich dieser Animosit�ten �berdr�ssig und man w�nscht sich, dass eine unparteiische Evaluation jedweder theoretischer Beitr�ge von verschiedenen Autoren immer noch als ein Wert f�r sich angesehen w�rde.

�brigens erhielt Chris Cowan ebenso einen Schlag von Wilber, als der letztere das bemerkte

�Ich werde sagen, dass ich pers�nlich niemals irgendeine professionelle Schrift gesehen habe, die so giftig ist wie die von Cowan. Sein Groll durchsetzt jedes Wort, bei�end, unerbittlich, den Leser zerfressend, wie es sicherlich auch sein Autor macht.�

Giftig? Vielleicht f�r das allzu vertrauende, dogmatische Gem�t. Zuf�llig mag ich Cowans �berlegungen, wenn ich seine spiraldynamics.org Webseiten durchsehe, und wenn auch nur, weil sie jene von anderen SD-Koryph�en vervollst�ndigen. Man ist erstaunt dar�ber, wie sehr diese verschiedenen SD-Versionen von den pers�nlichen psychologischen und politischen Agendas eingef�rbt werden. Eine interessante integrale Forschungsfrage.

Mag es sein, wie es will, ein dummer Punkt sollte in dieser Besprechung behandelt werden. In einer Fu�note auf Seite 145 stellt Wilber fest, dass die Prozentanteile der Farbenverteilung in der Welt 100% �berschreiten, weil sie sich �berlappen:

"In der heutigen (westlichen) Kultur ist etwa 40% der Bev�lkerung auf Bernsteingelb [Blau], etwa 50% auf Orange, 20% auf Gr�n und 2% auf T�rkis [Smaragdgr�n wird hier ausgelassen, aus keinem ersichtlichen Grund, FV]. [Fu�note beigef�gt] Das ist ein zusammengesetztes Ergebnis von mehreren Quellen, einschlie�lich Kegan, SD, Paul Ray, Loevinger und Wilber. Es addiert sich nicht auf 100%, weil es �berlappungen gibt.�

Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Als ich das vor einigen Jahren an Wilber und Beck herantrug, argumentierte Wilber, dass die Farben sich �berlappen, Beck aber meinte, es sei klug, hier eine Neuberechnung zu machen. Cowan jedoch referiertsein eigener Ansatz , wie diese Zahlen �berhaupt in das Buch Spiral Dynamics kamen:

�Wegen eines rechnerischen Fehlers und der vorsichtigen Bem�hung, nicht Genauigkeit anzudeuten, die auf tats�chlichen Daten basiert. Die Tabelle war nur als eine Illustration gedacht, nicht als ein Bericht �ber Forschungsergebnisse. Die Zahlen in allen drei Reihen waren vorgefertigt, um auf die Geopolitik hinzuweisen. Das Wort �gesch�tzt� �berschreibt die Zahlenreihen, obwohl � wild-ass guess� � WAG - = �besonders wilde Vermutung� angemessener sein w�rde.�

Meine unbedeutende Meinung hier ist, dass wenn man sich einmal entscheidet, diese Farben zu ben�tzen, um Menschen zu charakterisieren , wie es Wilber in dem obigen Zitat macht, sollten sich die Prozente immer auf Hundert addieren.

Nat�rlich gibt es �bergangsphasen zwischen den Farben, wie etwa Blau-Orange und Blau-ORANGE, (die in jenem Buch ben�tzte Darstellung). Doch sogar dann ist BLAU-Orange immer noch Blau und Blau-ORANGE ist immer noch Orange– oder habe ich etwas vergessen? Oder wenn man einen feink�rnigeren Blick haben m�chte: selbst das Einbeziehen dieser Unterfarben in die Verteilungskurve w�rde immer noch auf gesamte 100% f�hren. Es sind die Prozentzahlen f�r jede der Farben und Unterfarben, die niedriger werden.

Und wenn man sagt, dass in einem einzigen Individuum mehr als eine Farbe operativ sein kann (was sehr wahrscheinlich ist), dann unterstreicht das die ganze M�glichkeit, solche verallgemeinerten Sch�tzungen abzugeben, wie es Wilber zuerst gemacht hat. Vielleicht sollten wir hier ganz von vorn anfangen, und tats�chlich die Untersuchung beginnen, die entweder diese �wohl begr�ndeten Vermutungen� –, um einen h�flicheren Ausdruck zu ben�tzen, best�tigen oder widerlegen.

Das F�rderband

Lassen Sie uns Bestand aufnehmen. In den vergangenen Jahrzehnten hatten wir Leitern, Str�me�und jetzt das F�rderband, als Metapher f�r den Entwicklungsprozess.

Ich habe immer die Leiter-Metapher gemocht. Eine Leiter zu ersteigen, erfordert Anstrengung. Je h�her man klettert, desto mehr sieht man, desto weiter wird der geistige Horizont. Man kann von der Leiter fallen. In der Tat: je h�her man geklettert ist, desto tiefer kann der Fall werden. Diese Nebendeutungen sind sehr geeignet f�r den Entwicklungsprozess. Wilber ist aber scharf kritisiert worden wegen der Linearit�t dieser Metapher. So entschied er sich f�r eine mehr feminine Metapher: Wellen und Str�mungen. Wasser geht jedoch immer abw�rts. Hier gibt es keine Bem�hung, im Gegenteil, die Assoziation ist hier: mit der Str�mung gehen. Die Grenzen zwischen den Wellen sind flie�ender, besser als Sprossen auf einer Leiter.

Nun bekommen wir eine andere Metapher f�r Entwicklung: das F�rderband. Ich w�rde sagen: die Linearit�t ist wieder da und sogar in einer ziemlich mechanischen, passiven Weise. Keine Metapher ist jedoch perfekt, jede beleuchtet einen Aspekt und verdunkelt einen anderen.

Wilber weist darauf hin, dass das Hauptthema im Feld der Religion die so genannte Ebene/Linie-T�uschung ist– ein attraktiver theoretischer Beitrag.

Solange Religion mit der mythisch-buchstabengetreuen Ebene identifiziert wird, von Gelehrten und Laien ebenso, anstatt mit einer kontinuierlichen Entwicklungslinie mit eigener Berechtigung, werden diejenigen mit einer Einstimmung auf eine rationalere Anschauung (z.B. einer h�heren Ebene) sich ihr entgegenstellen und sie als r�ckst�ndig ansehen. Und Fundamentalisten, die auf dieser besonderen Ebene festgefahren sind, werden sich dem �bergang zu der rationalen Stufe widersetzen, die sie als das Einfallstor zur H�lle der Permissivit�t und des Materialismus betrachten.

Ein Ausweg aus dieser Sackgasse w�re gem�� Wilber, wenn den mythischen Gl�ubigen ein Weg gezeigt wird, auf dem sie auf die rationale Stufe zu wachsen k�nnen, ohne ihre Religiosit�t aufzugeben. Andererseits wird es immer eine Abneigung gegen die moderne Welt geben, die einem nicht erlaubt, die eigene Religion zu leben.

In einem extremen Fall, behauptet Wilber, f�hrt dies zu TerrorismusI – dar�ber wird ein zuk�nftiges Buch von Wilber publiziert werden ( Die vielen Gesichter des Terrorismus , das Publikationsdatum ist unbekannt). Das ist nat�rlich nicht blo� eine Angelegenheit von Entwicklungsstopp. Wenn westliche M�chte in andere L�nder einmarschieren, um ihren Zugang zum �l abzusichern, indem sie ihrem au�erordentlichen Talent zur Verschwendung der Ressourcen der Erde Vorfahrt erteilen, um ihren materialistischen Lebensstil aufrecht zu erhalten, dann ist das kaum etwas, was nachahmenswert ist.

In diesem Kapitel formuliert Wilber erneut Entwicklungsstufen als �Lebensstationen�, indem er die Berechtigung jeder einzelnen betont. Idealerweise sollte uns die Religion durch alle Lebensstationen f�hren. Sie sollte uns ebenso lehren, in welcher Stufe wir uns auch befinden, wie wir die spirituellen Stufen erreichen k�nnen.

Bezogen auf die genaue Beziehung zwischen Stufen und Zust�nden gibt es hier etwas wie eine Zweideutigkeit. Einerseits sollen spirituelle Zust�nde (oder meditatives Training) die Entwicklung �ber etwa zwei Stufen steigern. Andererseits sollen (spirituelle) Zust�nde von den Stufen konditioniert werden, von denen sie erreicht worden sind. Was ist es denn nun?

Offensichtlich ist hier ein komplexer, dialektischer Prozess im Gange. Es ist viel mehr Forschung n�tig. Wilbers Hinweise auf �betr�chtliche Forschung� und sogar �wahrhaft atemberaubende Forschung� sollten mit einer Prise Salz eingenommen werden, wenn man die bescheideneren Einsch�tzungen dieser besonderen Forschung bedenkt (z.B. siehe was Jim Andrews in seinem Auswertungsreferat �ber Wilbers Gebrauch der gegenw�rtigen Forschung geschrieben hat: "Ken Wilber �ber Meditation: Ein unverst�ndliches Geschw�tz von endlosem Unsinn ").

W�hrend das daher, wenigstens f�r mich, das interessanteste Kapitel in dem Buch ist, gibt es dort sehr viel mehr, das im Einzelnen ausgestaltet werden muss.

Huston Smith zerlegt

Wilber betitelt seine neueste intellektuelle Phase als �post-metaphysisch�, wor�ber wir ebenso einen Kommentar in dieser kurzen Besprechung abgeben m�ssen. Er wendet auf die Weltsicht der spirituellen Traditionen eine doppelte Reduktion an, indem er Huston Smiths Darstellung davon in seinem Buch Vergessene Wahrheit ben�tzt. In diesem Buch argumentiert Smith, dass die fundamentalste (und meist �bersehene) Differenz zwischen der Vormoderne und der Moderne eine der Ontologie ist. Wo die Moderne nur eine einzige ontologische Ebene anerkennt, Materie, anerkannten die vormodernen Traditionen viele Ebenen, Reiche, Fl�chen oder Welten.

Diese �Ebenen�– ein Ausdruck, den Wilber oft gebraucht, aber oft im Kontext von entwicklungsm��igen Stufen , ein ganz sch�ner Unterschied, wie wir argumentieren werden – haben ihre vertrauten Entsprechungen in den Seinsebenen, die unsere Beschaffenheit zusammensetzen. W�hrend daher unsere K�rper zu der k�rperlichen Welt von Natur und Materie geh�ren und zu ihr zur�ckkehren werden, �geh�ren� unser Verstand zur Gedankenwelt, unsere Seelen zur Seelenwelt und unser Geist in die Welt des G�ttlichen. Wenn Wilber den Ausdruck �Seinsebenen� ben�tzt, ist schwer zu sagen, ob er das in einer psychologischen oder in einer kosmologischen Weise meint.

Nun klappt die Moderne jene multidimensionale Weltsicht in die Eindimensionalit�t von Flachland ein. Folgerichtig lehnte sie alle vormoderne Metaphysik als hoffnungslos spekulativ ab. Und Wilber scheint hier dem Gedankenzug der Moderne zu folgen, obschon Smith ihn als einen logischen Fehler herausstellt. Denn was auch immer die Naturwissenschaft in der Welt der Materie entdeckt hat, zu welcher sie sich selbst beschr�nkt hat (aus welchen pragmatischen Gr�nden auch immer), kann und sollte sie nicht die Beurteilung der G�ltigkeit von Bemerkungen �bernehmen, die sich auf die nicht-dualen Dimensionen des Lebens beziehen.

Daher argumentiert Wilber f�r eine post-metaphysische Neu-Interpretation von Spiritualit�t und Bewusstsein. Dieses Zitat ist der Schl�ssel:

�Im Besonderen bedarf die Idee, dass es Seins- und Wissensebenen jenseits des Physischen gibt (z.B. w�rtlich metaphysisch), sehr dringend der Rekonstruktion. Das soll nicht bedeuten, dass es �berhaupt keinerlei transphysische Wirklichkeiten g�be; nur dass die meisten Themen, die von den Vorfahren f�r g�nzlich trans- oder metaphysisch gehalten wurden (z.B. Gef�hle, Gedanken, Ideen), tats�chlich allermindestens physische Entsprechungen haben.� (S.310)

Ich habe bei vielen Gelegenheiten auf dieser Webseite argumentiert, zum Beispiel in "Meine Herausforderung an Wilber-5 ", dass dies das Problem des ontologischen Zustands der Innerlichkeit verbirgt. Denn diese physischen Entsprechungen entsprechen�.genaugenommen wem? Beim mehrmaligen Wiederlesen dieses Zitats beginne ich, von einer Sache erschlagen zu werden: sogar wenn es wahr w�re, dass die Moderne einige der physischen Entsprechungen von inneren Geisteszust�nden aufgezeigt h�tte, wird sie nicht und kann sie nicht die Beurteilung dar�ber �bernehmen, was diese Zust�nde in sich selbst sind – v�llig unerkl�rbar, wortw�rtlich metaphysische Ph�nomene.

Sie mit �intra-physisch� neu zu benennen, wie es Wilber tut, schafft ein illusorisches Gef�hl von Verst�ndnis, wobei tats�chlich nichts gekl�rt ist. Kein Physiker kann sich dieser Bemerkung �Intra-Physikalit�t� anschlie�en, besonders da er so eng mit unseren Gedanken und Gef�hlen verbunden ist, die in der Welt der Physik Nicht-Wesenheiten sind.

Wilbers Reduktion der Darstellung von immerw�hrender Philosophie hat zwei Phasen: erstens argumentiert er, dass was naiverweise f�r unabh�ngige Reiche gehalten wurde, sich als Strukturen des Bewusstseins herausgestellt hat, und zweitens was f�r Strukturen gehalten wurde, die von Geburt an pr�sent sind, sich als Entwicklungsstufen herausgestellt haben, die nur Form annehmen, wenn wir durch das Leben an ihnen vorbeigehen.

Daher wird die gro�artige Vision von "Sph�ren �ber Sph�ren "reduziert auf eine Theorie der psychologischen Entwicklung, der ein quasi-objektiver Geschmack verliehen wird, indem die Bemerkung von �Gewohnheiten� ben�tzt wird. W�hrend wir durch den Entwicklungsprozess hindurchgehen, argumentiert Wilber, indem er Sheldrake und anderen folgt, werden diese Stufen als �kosmische Gewohnheiten� ausgelegt, damit andere dem folgen k�nnen. Man fragt sich, ob es nicht einen leichteren Weg der Erkl�rung gibt, weshalb Entwicklung in einem Milieu gleichgesinnter Seelen erm�glicht zu werden scheint. Kultur vielleicht? Erziehung?

Epilog

Wenn nun alles gesagt und getan ist, wissen wir immer noch nicht genau, wie Entwicklung vonstatten geht, wie Wilber– ziemlich untypisch nach so vielen theoretischen Behauptungen und Aussagen – eingesteht:

�Was Transformation selbst angeht: wie und weshalb Individuen wachsen, sich entwicklen und transformieren, ist eines der gro�artigen Mysterien der menschlichen Psychologie. Die Wahrheit ist, niemand wei� es. Es gibt eine Menge an Theorien, eine Menge an begr�ndeten Vermutungen, jedoch wenige wirkliche Erkl�rungen. Man braucht gar nicht zu sagen, dass dies ein au�ergew�hnlich komplexes Thema ist.� (S. 87).

Das ist jetzt ein Wilber, mit dem ich mich identifizieren kann.

Beim Abschlie�en dieser Besprechung, die schrecklich unvollst�ndig ist angesichts des Umfangs des vorliegenden Buches, bleibt ein Gedanke �brig: �Halte die Vermarktungs-maschine an�, �Herr, gib uns Integrales, aber nicht den Rummel.� Es ist jetzt an der Zeit, den Ton etwas leiser zu stellen. Und man sollte das abschaffen: die Mentalit�t des �Spielen Sie sich bei den integralen Studien als Experte auf.�

Wir sollten niemals vergessen, dass es bei der Spiritualit�t auch um Weisheit geht, schlicht und einfach, und um herzliche Liebensw�rdigkeit, sogar Bescheidenheit. Das sind Werte, die nach meiner Meinung au�er in sehr wenigen Ausnahmen in diesem neuesten von Wilber geschriebenen Band fehlen.

Hoffentlich werden noch weitere kritische Beurteilungen der Verdienste dieses Buches geschrieben werden, denn es wird sehr wahrscheinlich Wilbers Besch�ftigung mit der Spiritualit�t f�r die kommenden Jahre bleiben.