Hannelore Kohl (original) (raw)
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Hannelore Kohl (1991)
Johanna Klara Eleonore „Hannelore“ Kohl, geborene Renner (* 7. März 1933 in Berlin; † 5. Juli 2001 in Ludwigshafen am Rhein), war die Ehefrau des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl.
Hannelore Kohl wurde 1933 als einziges Kind des Ingenieurs des Rüstungskonzerns HASAG und späteren Wehrwirtschaftsführers Wilhelm Renner (1890–1952) und dessen Ehefrau Irene (1897–1980, geborene Merling) in Berlin-Schöneberg geboren. Noch im selben Jahr zog die Familie nach Leipzig in die heutige Trufanowstraße 41. Dort besuchte sie ab 1939 die 32. Volksschule und bestand im Herbst 1943 die Aufnahmeprüfung an der renommierten Gaudigschule im Stadtteil Gohlis. Nach dem verheerenden Luftangriff auf Leipzig im Dezember 1943 wurde Hannelore zusammen mit ihrer Mutter zunächst nach Grimma, später nach Döbeln gebracht, wo sie das örtliche Gymnasium besuchte. Bei einem weiteren Flächenangriff auf Leipzig im Februar 1945 wurde das Elternhaus zerstört.[1]
In den letzten Kriegstagen wurde Hannelore Kohl im Alter von zwölf Jahren von sowjetischen Soldaten mehrfach vergewaltigt und, in ihren Worten, „wie ein Zementsack“ aus dem Fenster geworfen. Durch die Misshandlungen erlitt sie eine Wirbelverletzung, an der sie zeitlebens zu leiden hatte.[2][3] Am 5. Mai 1945, wenige Tage vor dem Kriegsende, flohen die zwölfjährige Hannelore und ihre Mutter mit dem Handkarren zunächst nach Taucha, von dort zusammen mit dem Vater nach Westdeutschland und erreichten im Juli 1945 Mutterstadt im heutigen Rheinland-Pfalz. Da das dortige Elternhaus des Vaters durch die Kriegsereignisse zerstört war, wohnte die Familie zunächst in einer 12 m² großen Waschküche, die durch in den Raum gehängte Decken in Wohn- und Schlafzimmer geteilt wurde.[4] Wie viele Kinder der Nachkriegszeit litt sie, auch über den Hungerwinter 1946/47 hinaus, an Unterernährung.
Obwohl Hannelore Kohl noch nicht das vorgeschriebene Mindestalter erreicht hatte, absolvierte sie 1951 das französische Zentralabitur. Im selben Jahr begann sie ein Studium am Fachbereich Sprachwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität in Germersheim. Bedingt durch den frühen Tod des Vaters musste sie 1952 das Studium aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben. Zunächst fand sie eine Anstellung beim Kohlhammer Verlag in Stuttgart; von 1953 bis 1960 arbeitete sie als kaufmännische Angestellte bei der BASF in Ludwigshafen.[1]
Hannelore Kohl mit ihrer Familie 1975 bei einem Privataufenthalt in Leipzig
Bei einem Klassenfest in Ludwigshafen lernte Hannelore Renner 1948 im Alter von fünfzehn Jahren den achtzehnjährigen Helmut Kohl (1930–2017) kennen, den sie nach zwölf Jahren Bekanntschaft am 27. Juni 1960 heiratete. In den Folgejahren kamen ihre beiden Söhne Walter (* 1963) und Peter (* 1965) zur Welt.
Als Anfang der 1980er Jahre Helmut Kohl als Oppositionsführer den in der Bevölkerung umstrittenen, vom amtierenden Bundeskanzler Helmut Schmidt initiierten NATO-Doppelbeschluss unterstützte, wurde auch Hannelore Kohl bei Demonstrationen der Friedensbewegung öffentlich beschimpft und körperlich angegriffen.
Als Frau ihres im Oktober 1982 zum Bundeskanzler ernannten Mannes wirkte sie an dessen Politik mit. So hat sie an dessen Zehn-Punkte-Programm zum Erreichen der deutschen Einheit und Selbstständigkeit mitgewirkt.
Als Frau des Bundeskanzlers wurde sie zu einer Figur des öffentlichen Lebens. Als Solche rückte sie besonders im Rahmen der 1999 aufgedeckten CDU-Spendenaffäre als mutmaßliche Mitbeteiligte in den Fokus der Medien. Unter anderem wurden ihr Geldwäsche und Untreue bei ihrer Arbeit für das ZNS und die von ihr gegründete Stiftung vorgeworfen. Im Bericht des vom Bundestag eingesetzten Untersuchungsausschusses tauchte ihr Name jedoch nicht auf.[5]
1983 gründete sie das Kuratorium ZNS (2005 umbenannt in ZNS – Hannelore Kohl Stiftung) für hirnverletzte Unfallopfer mit Schädel-Hirn-Trauma und wurde dessen Präsidentin. Das Thema Hirnverletzte, deren geistige Fähigkeiten zu dieser Zeit noch häufig in Frage gestellt wurden, galt bis dahin in Deutschland in der Öffentlichkeit noch häufig als Tabu. 1985 wurde sie für ihr soziales Engagement mit dem Bambi geehrt, den sie zugunsten des ZNS versteigern ließ.
Auf ihre Initiative hin realisierte der Unternehmer Heinz Nixdorf geeignete Benutzerschnittstellen zur Kommunikation zwischen PC und hirnverletzten Patienten. Die BDH-Klinik Hessisch Oldendorf wurde mit Unterstützung des ZNS als erste Klinik mit einem entsprechenden System ausgestattet. 1986 präsentierte sie das von der Nixdorf Computer AG unterstützte Projekt Computer helfen heilen und leben.
Darüber hinaus organisierte sie Benefizveranstaltungen zugunsten des ZNS, wie die Konzerte Up with People in der Bonner Beethovenhalle,[6] und trat als Schirmherrin von Wohltätigkeitsveranstaltungen wie etwa dem „Ball der Sterne“ auf. 1993 gründete sie die Hannelore-Kohl-Stiftung für Unfallopfer zur Förderung der Rehabilitation Hirnverletzter e. V., mit der unter anderem Forschungen auf dem Gebiet der Neuro-Rehabilitation unterstützt wurden.
Hannelore Kohl war Mitglied im Zonta-Club Ludwigshafen.[7]
Seit Ende der 1960er Jahre war bei Hannelore Kohl eine Penicillin-Allergie bekannt. Im Februar 1993 erhielt sie jedoch wegen einer Infektion versehentlich ein Antibiotikum, welches eine dem Penicillin ähnliche Substanz enthielt.[1] Dessen Einnahme führte zu einem zunächst lebensbedrohlichen Zustand. Die als Lyell-Syndrom diagnostizierte Allergiereaktion erforderte einen mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt.
Grabstelle in Ludwigshafen-Friesenheim
Seither litt sie nach Aussage Heribert Schwans und ihres Sohnes Walter Kohl an einer Lichtallergie und einer schweren Depression.[8][9] Die Krankheit, die zunächst beherrschbar erschien, trat ab 2000 wieder verstärkt auf. Ab Mai 2000[10] konnte Hannelore Kohl das tagsüber abgedunkelte Haus nur nach Sonnenuntergang verlassen.[11] Nach Angaben ihres Mannes in Interviews, die er mehrere Jahre später gab, litt sie an unerträglichen Schmerzen.
Mit einer Überdosis Tabletten vollzog Hannelore Kohl am 5. Juli 2001 im Alter von 68 Jahren Suizid, während ihr Ehemann sich in Berlin aufhielt. Ihm und ihren Söhnen hinterließ sie einen Abschiedsbrief.[12] Eine Autopsie wurde nicht vorgenommen. Zuletzt hatte sie mit ihrem Mann an seinen Memoiren gearbeitet, wie sie in einem ihrer letzten Interviews sagte.[13]
Die Trauerfeier fand unter großer Beteiligung der Bevölkerung nach katholischem Ritus im Dom zu Speyer statt.[14] Anschließend erfolgte die Beisetzung im Familiengrab auf dem Friedhof Ludwigshafen-Friesenheim, wo auch ihre Schwiegereltern beerdigt sind.[15]
Für ihre Verdienste um hirnverletzte Unfallopfer wurde Kohl 1990 zum „Ehrenflorian“ der Freiwilligen Feuerwehr Siegburg ernannt
- 1985: Bambi
- 1987: USO International Service Award der USO
- 1988: Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz
- 1995: Ehrendoktorwürde der Universität Greifswald
- 1997: Goldene Ehrennadel der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie
- 1999: Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern[16]
Namensgebung
Die ZNS – Hannelore Kohl Stiftung verleiht seit 1993 einen Hannelore Kohl Förderpreis an Nachwuchswissenschaftler für Leistungen auf dem Gebiet der Rehabilitation Hirnverletzter.
Im Gedenken an Hannelore Kohl benannte die Stadt Ludwigshafen im Mai 2004 eine Uferpromenade am Rhein nach ihr.
Ein im sächsischen Bennewitz gelegenes Wachkomazentrum ist nach Hannelore Kohl benannt.
Um die leidensvolle Lebensgeschichte von Hannelore Kohl geht es in Johann Kresniks Tanzstück Hannelore Kohl, das im Dezember 2004 in der Bonner Oper uraufgeführt wurde.
In seinem Hörspiel Hannelore oder So ein abgelichtetes Leben will verkraftet sein[17] reflektiert Patrick Findeis ihr Leben in einem fiktiven Dialog.
Im März 2022 brachte das Kleine Theater Bonn mehrere Aufführungen des Stückes Hannelore Kohl – ein Leben im Schatten von Sascha Schmidt mit Christina Rohde in der Titelrolle.[18]
Die Dokumentation Hannelore Kohl – Die erste Frau aus dem Jahr 2020 widmet sich ihrem Leben[19].
Hannelore Kohl (Hrsg.): Kulinarische Reise durch deutsche Lande. Zabert Sandmann, München 1999, ISBN 3-924678-87-1 (mit Texten von Helmut Kohl).
Hannelore Kohl: Was Journalisten „anrichten“. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1986, ISBN 3-87629-098-8 (Kochbuch).
Patricia Clough: Hannelore Kohl. Zwei Leben. Aus dem Englischen von Peter Torberg. DVA, Stuttgart 2002, ISBN 3-421-05615-3.
Heribert Schwan: Die Frau an seiner Seite. Leben und Leiden der Hannelore Kohl. Heyne, München 2011, ISBN 978-34531-8175-5.
Hannelore Kohl bei IMDb
Literatur von und über Hannelore Kohl im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Hannelore Kohl. In: FemBio. Frauen-Biographieforschung (mit Literaturangaben und Zitaten).
Homepage der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung, über Hannelore Kohl, die Gründerin der ZNS-Stiftung
Hannelore Kohl: Ihr Leben, ihr Leiden, ihr Tod. In: Stern. 24. Mai 2002
- 1 2 3 Dona Kujacinski, Peter Kohl: Hannelore Kohl – Ihr Leben. Droemer Knaur, München 2002, ISBN 978-3-4267-7660-5.
- ↑ Jan Fleischhauer: Sehnsucht nach dem Ende. In: Der Spiegel 24/2011 vom 11. Juni 2011.
- ↑ Die Frau hinter dem Panzer. In: Zeit Online / Tagesspiegel, 14. Juni 2011.
- ↑ Biografie auf fembio.org, abgerufen am 10. Juni 2011
- ↑ Bericht des Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestags vom 13. Juni 2002. Abgerufen am 23. April 2026.
- ↑ Die Bonner Beethovenhalle als Ort der Demokratie. (PDF; 35,33 kB) Rede in der Beethovenhalle am 1. Oktober 2011. Abgerufen am 4. Juni 2016.
- ↑ Presse | Zonta Club Ludwigshafen Pfalz. Abgerufen am 26. Dezember 2021.
- ↑ Der Tod kam nicht über Nacht. In: stern.de. 19. Juni 2011 (stern.de [abgerufen am 16. Juni 2017]).
- ↑ Sonja Kastilan: Rätselhafte Lichtallergie. In: Die Welt. 7. Juli 2001, abgerufen am 23. März 2015.
- ↑ Johanna Kaack: ZDF-History: Die zwei Leben der Hannelore Kohl. 2014, ausgestrahlt am 25. Februar 2015, ab etwa der 30. Minute.
- ↑ Heribert Schwan: Die Frau an seiner Seite. Leben und Leiden der Hannelore Kohl. Heyne, München 2011.
- ↑ Hannelore Kohls Abschiedsbrief an ihren Mann. In: welt.de. 22. Juli 2001, abgerufen am 30. Juni 2017.
- ↑ Hannelore Kohl: Es war Selbstmord. In: RP online. 5. Juli 2001, archiviert vom Original am 23. Februar 2011; abgerufen am 23. März 2015.
- ↑ Kohl-Trauerfeier: Sein Maß und ihre Messe. In: Der Tagesspiegel. 21. Juli 2001, abgerufen am 23. März 2015.
- ↑ Klaus Nerger: Hannelore Kohl. Das Grab. In: knerger.de. 19. März 2015, abgerufen am 23. März 2015.
- ↑ Klaus Brinkbäumer, Almut Hielscher, Carsten Holm, Jürgen Leinemann, Udo Ludwig, Hartmut Palmer, Sven Röbel, Rüdiger Scheidges, Barbara Schmid, Wilfried Voigt: Ich verbrenne von innen. In: Der Spiegel. Ausgabe 28, vom 8. Juli 2001
- ↑ Patrick Findeis: Hannelore - oder So ein abgelichtetes Leben will verkraftet sein. Hörspiel. In: SWR2 Wissen. SWR, 2. Juli 2021, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 5. August 2021; abgerufen am 10. Januar 2022 (deutsch). Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.swr.de
- ↑ Elisabeth Einecke-Klövekorn: Klaren Blickes in den Tod. 70 beeindruckende Minuten: Hannelore Kohl – ein Leben im Schatten im Kleinen Theater." In: General-Anzeiger (Bonn), 5./6. März 2022, S. 13
- ↑ ARD-Eintrag
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Kohl, Hannelore |
| ALTERNATIVNAMEN | Renner, Johanna Klara Eleonore (Geburtsname); Kohl, Johanna Klara Eleonore (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Fremdsprachenkorrespondentin, Frau des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl |
| GEBURTSDATUM | 7. März 1933 |
| GEBURTSORT | Berlin |
| STERBEDATUM | 5. Juli 2001 |
| STERBEORT | Ludwigshafen am Rhein |