Ingo Elbe (original) (raw)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Ingo Elbe (* 1972 in Dortmund) ist ein Philosoph und Sozialwissenschaftler.

Ingo Elbe hat Philosophie, Geschichte und Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum studiert und promovierte 2008 an der Freien Universität Berlin zur Marx-Rezeption in der Bundesrepublik. Von 2007 bis 2012 war er Lehrbeauftragter am Institut für Sozialwissenschaften der Technischen Universität Braunschweig und von 2011 bis 2014 an der Fachhochschule Düsseldorf. 2015 habilitierte er sich am Institut für Philosophie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg mit einer Arbeit über Paradigmen anonymer Herrschaft.[1] Elbe war im Wintersemester 2017/18 Gastprofessor am Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er ist Privatdozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und war Vorsitzender des Bochumer gemeinnützigen Vereins Institut für Sozialtheorie.[2]

Elbe war zeitweise Mitherausgeber des Oldenburger Jahrbuchs für Philosophie und der Zeitschrift für kritische Sozialtheorie und Philosophie sowie Mitbetreiber des 1995 gegründeten Arbeitskreises Rote-Ruhr-Uni, der unter anderem Vortragsreihen, Lesegruppen sowie einen jährlichen Kongress an der Ruhr-Universität Bochum veranstaltete. Er ist Mitglied der Gesellschaft für kritische Bildung e.V.

Zu den Forschungsschwerpunkten von Elbe gehören unter anderem Marx und Marxrezeption, Kritische Theorie, Politische Philosophie sowie Rechts- und Sozialphilosophie.

In seinen Arbeiten lehnt er die traditionellen Auffassungen des Marxismus ab, welche auf einer logisch-historischen Interpretation der Marxschen Theoriedarstellung beruhen. Er bemüht sich um eine kritische Rekonstruktion der seit Mitte der 1960er Jahre besonders in der Bundesrepublik Deutschland entstandenen neuen Marx-Lektüre und ihrer Analyse abstrakter gesellschaftlicher Formen wie Arbeit, Wert, Geld, Staat und Kapital.

Bereits 2000 untersuchte er die Grundlinien einer Theorie politischer Öffentlichkeit im Werk von Jürgen Habermas, insbesondere in dessen Studie Faktizität und Geltung.[3] Auf dem im März 2012 in Wuppertal stattgefundenen Kongress Habermas und der historische Materialismus hat Elbe eine grundsätzliche Kritik an Habermas’ Marxrezeption und Gesellschaftstheorie vorgetragen,[4][5][6] die jedoch von Habermas selbst und anderen Tagungsteilnehmern zum Teil scharf kritisiert wurde.[7]

Seine 2008 erschienene Dissertation Marx im Westen behandelt die „Grundzüge der Debatte um ein adäquates Gegenstands- und Methodenverständnis der Marxschen Ökonomiekritik sowie ihrer staats- und revolutionstheoretischen Implikationen“,[8] dabei möchte er „die in der Bundesrepublik geleistete Erörterung der Grundfragen der ersten Kapitel des Kapital und der damit verbundenen Thematiken anderer Marxscher Arbeiten zur Kritik der politischen Ökonomie“[8] im Hinblick auf den „Begriff der Form und ihrer angemessenen Erkenntnis“[8] nachzeichnen. Unter dem Aspekt einer Staats- und Revolutionstheorie interessieren ihn „die wissenschaftlichen Ressourcen der Marxschen Texte zur Erfassung der spezifisch kapitalistischen Organisationsform gewaltmonopolisierter, öffentlicher Herrschaft und der Möglichkeit ihrer revolutionären Infragestellung“.[9] Er kritisiert dabei insbesondere die autoritären Konsequenzen marxistischer Revolutionsvorstellungen, die dem Konzept der "Diktatur des Proletariats" folgen.[10]

In seinen Publikationen der 2010er Jahre bemühte er sich darum, die neue Marx-Lektüre für eine Kritik der bürgerlichen Legitimationsmodelle von Privateigentum, Recht und Staat fruchtbar zu machen. Ferner hat er mehrere Debatten innerhalb der antideutschen Linken angestoßen und dabei teilweise erhebliche Kritik an deren Positionen formuliert. Er kritisierte beispielsweise die für ihn irrationalistischen Marx-Deutungen von Joachim Bruhn und anderen Interpreten[11] und hat eine abwägende Kritik an Jean-Paul Sartres Antisemitismustheorie vorgelegt,[12] die als Anstoß für eine Diskussion über das Verhältnis von freiem Willen und gesellschaftlichen Strukturen genommen wurde.[13]

Sein Buch Paradigmen anonymer Herrschaft (eine Sammlung überarbeiteter veröffentlichter und bisher unveröffentlichter Aufsätze) thematisiert „die Spezifik kapitalistischer Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse in Auseinandersetzung mit Positionen des neuzeitlichen Kontraktualismus, der antiliberalen politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts und der Kritischen Theorie“. Elbe zufolge „wird dabei erkennbar, wie zentral der Topos anonymer Herrschaft in diesen Ansätzen ist, die wahlweise kritisch oder affirmativ die Herrschaft des Gesetzes, der Norm, der Sache oder des Niemand als modernetypisch deklarieren. Zugleich wird gefragt, welchen Stellenwert personale, unvermittelte Herrschaft im staatlich regulierten Kapitalismus hat und welche Potentiale dieser für Fluchtbewegungen in autoritäre oder faschistische Verhältnisse erzeugt.“ Elbe meint dabei einerseits, dass diese Ansätze sämtlich ein Konzept unpersönlicher Herrschaft entwickeln, dieses Konzept aber häufig den realen Gegenstand anonymer Herrschaft im Kapitalismus ideologisch verfehlt. Seine besondere Kritik bezieht sich auf sogenannte „politexistentialistische“ Positionen Hannah Arendts[14] und Carl Schmitts.[15]In seinen letzten Publikationen kritisiert Elbe zunehmend postmoderne beziehungsweise postmarxistische Ansätze, wie den von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe, und deren (links-)populistische Politikkonzeptionen.[16][17] Er vertritt die These, dass diese, bei allen Differenzen, auf gesellschaftstheoretischer Ebene eine „Querfront“ mit faschistischen Positionen bilden. Er wurde dafür in der neurechten Zeitschrift „Sezession“ stark kritisiert.[18]

Elbe forscht derzeit vor allem zu den Themen Vergangenheitspolitik und Antisemitismus in der Linken und in antirassistischen Kontexten.[19] Er wirft der „hegemonialen Tendenz“ des postmodernen Antirassismus vor, israelfeindiche Positionen zu vertreten und „die für bestimmte Zusammenhänge gültigen Erkenntnisse des Antirassismus unzulässig auf qualitativ andere Sachverhalte auszudehnen, theoretische Konzepte schablonenhaft und stereotypisierend zu verwenden, ohne empirische Gehalte zu prüfen, eine kulturrelativistische und machtreduktionistische Wissenskonzeption zugrunde zu legen und die Beschreibung der Realität von politischen Ressentiments oder volkspädagogischen Absichten leiten zu lassen.“[20] In der Debatte um den Kamerunischen postkolonialen Theoretiker Achille Mbembe bescheinigt Elbe nicht nur diesem, sondern „prominenten Vertretern des Faches“ der postkolonialen Studien einen „systematischen Zusammenhang zwischen begrifflicher Einebnung der Spezifik des Antisemitismus, der Relativierung der Schoah und einer Dämonisierung Israels.“[21]

Seine Texte sind bisher ins Englische, Koreanische, Serbokroatische, Portugiesische, Spanische, Chinesische, Italienische, Türkische, Persische und Polnische übersetzt worden.

  1. Vgl.: Paradigmen anonymer Herrschaft. Politische Philosophie von Hobbes bis Arendt, Würzburg 2015, S. 11.
  2. Dr. Ingo Elbe – Biographische Daten. Uni Oldenburg (Memento vom 10. August 2014 im Internet Archive).
  3. Ingo Elbe: Diskurse herrschen nicht.
  4. Süddeutsche Zeitung vom 27. März 2012, S. 13.
  5. Micha Brumlik: Sich im Unbehaglichen einrichten, Die Tageszeitung vom 26. März 2012.
  6. Peter Leusch: Kapitalismuskritik in der Diskussion, Deutschlandfunk vom 29. März 2012.
  7. Smail Rapic (Hg.): Habermas und der Historische Materialismus, Freiburg/München 2014, S. 151–153, 219–228.
  8. 1 2 3 Ingo Elbe: Marx im Westen, München 2008, S. 8.
  9. Vgl. Elbe 2008, S. 9.
  10. Gesellschaft für kritische Bildung: Ingo Elbe: "Diktatur des Proletariats" - Der marxistische Weg in den autoritären Staat. 25. Mai 2023, abgerufen am 19. Juli 2025.
  11. Ingo Elbe: Marxismus-Mystizismus, in: Gesellschaftliche Praxis und ihre wissenschaftliche Darstellung, Hamburg 2008, S. 193ff.
  12. Ingo Elbe: Angst vor der Freiheit, Prodomo Nr. 14, S. 46ff.
  13. Redaktion Prodomo: Die Falle des Nominalismus, Prodomo Nr. 17, S. 56.
  14. Vgl. auch Ingo Elbe: „das Böse, das von Niemanden begangen wurde“. Hannah Arendts Konzept der „Herrschaft des Niemand“ Vortrag als Audio-Datei.
  15. Vgl. auch Ingo Elbe: Der Zweck des Politischen. Carl Schmitts faschistischer Begriff der ernsthaften Existenz.
  16. Vgl. Ingo Elbe: Die postmoderne Querfront. Anmerkungen zu Chantal Mouffes Theorie des Politischen.
  17. Vgl. Ingo Elbe: Politische Macht, Faschismus und Ideologie. Ernesto Laclaus Auseinandersetzung mit Nicos Poulantzas.
  18. Vgl. Benedikt Kaiser: Querfrontpotential? Populismus bei Mouffe und Laclau. In: Sezession Nr. 79, August 2017 S. 26ff.
  19. Vgl. FAZ, Studentenkonferenz: „Widersprecht euren Professoren“ .
  20. Ingo Elbe: „it’s not systemic“. Antisemitismus im akademischen Antirassismus. In: Till Amelung (Hrsg.): Irrwege. Analysen aktueller queerer Politik, Berlin 2020, S. 250
  21. Ingo Elbe, Die postkoloniale Schablone. In: taz, 14. Mai 2020
  22. Rezension auf literaturkritik.de: Herrschaft ohne Namen und Gesicht.
Personendaten
NAME Elbe, Ingo
KURZBESCHREIBUNG deutscher Philosoph und Sozialwissenschaftler
GEBURTSDATUM 1972
GEBURTSORT Dortmund