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der Mensch lebt nicht vom Brot allein, Mehrwortausdruck
Menschen benötigen über die (zum Überleben nötigen) materiellen Grundbedürfnisse hinaus auch Dinge wie Zuneigung, soziale Kontakte, geistige Anregung, Möglichkeiten zur freien Entfaltung o. Ä.
„… das stammt von Brecht“, meinte einst Heide Simonis im Interview. „Nein, von Schiller!“, verschlimmbesserte Günther Gaus die Ministerpräsidentin. Dass dieses Bibelwort so „säkularisiert“ werden konnte, verwundert wenig. So ging es recht spät in den deutschen (und europäischen) Sprichwortschatz ein. In den voluminösen, bibellastigen Sammlungen des 16. bis 18. Jahrhunderts jedenfalls fehlt es. Zudem lässt die aus dem Zusammenhang gerissene Textpassage eine Leerstelle, die im 19. und 20. Jahrhundert fleißig gefüllt wurde: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, „… sondern auch vom Fleische guter Lämmer“, findet sich bei Nietzsche, „… es darf auch Wurst und Käs’ drauf sein“, ergänzte frech der Volksmund. Auch Brecht spielte in der Dreigroschenoper darauf an. Heute wird das biblische „Antisprichwort“ meist so verstanden, dass Menschsein über die Befriedigung leiblicher Grundbedürfnisse hinausgeht.