Für den Dorsch sieht es in der Ostsee schlecht aus (original) (raw)

Ein Fischkutter fährt in den Hafen von Timmendorf auf der Ostseeinsel Poel.

AUDIO: Fischereiexperten: Dorschbestand wird sich lange nicht erholen (4 Min)

Stand: 08.06.2026 06:50 Uhr

In der westlichen Ostsee gibt es inzwischen kaum noch Dorsche. Forschende gehen davon aus, dass sich die Bestände nicht so schnell erholen werden. Für die Fischer sind das schlechte Nachrichten. Wie gehen sie damit um?

Der Kutter von Andreas Harant liegt am Alten Strom in Warnemünde - jahrhundertelang war der Alte Strom die Verbindung zwischen Ostsee und Rostocker Hafen, heute ist er Liegeplatz für kleine Kutter und Ausflugsschiffe. Alle Geräte an Bord des Kutters sind einsatzbereit, die Netze sind in Kisten verstaut. Der Fischer aber fährt nur noch ab und zu raus auf die Ostsee. Der Beruf ist für ihn längst Nebensache geworden. Noch vor Jahren, so erzählt es Harant, haben sie viel gefischt, Hering und Dorsch zum Beispiel. Das hat sich geändert:

"Man darf nicht mehr viel fangen. Es gilt ein Dorsch-Fangverbot. Es ist aber auch gar kein Dorsch da, muss ich dazu sagen. Und nur für Plattfische rauszufahren, lohnt sich nicht." Andreas Harant, Fischer

Immer weniger Berufsfischer in Warnemünde

Fischer Andreas Harant steht an Bord seines Kutters in Warnemünde.

Die Zeiten, in denen er viel Dorsch fangen konnte, sind auch für Fischer Andreas Harant vorbei.

Die Fischbestände in der Ostsee stehen unter Druck - vor allem der Dorsch. Deswegen wurden in den vergangenen Jahren immer striktere Fangquoten verkündet. Derzeit darf er nicht gezielt gefangen werden.

Andreas Harant ist einer von aktuell noch drei Berufsfischern in Warnemünde. Früher waren es mal zwölf. Einige Kollegen sind aus Altersgründen ausgeschieden. Andere geben auf, weil es sich für sie nicht mehr rechnet. Jahrzehntelang war der Dorsch eine wichtige Einkommensquelle für die Fischer an der Ostsee, bis der Bestand vor einigen Jahren - so um das Jahr 2020 - zusammengebrochen ist. Warum es fast keinen Dorsch mehr gibt? Der Fischer nennt mehrere Gründe.

"Das sind viele Ursachen, denke ich mal: Erst einmal ist da die Sauerstoff-Armut, dann der Salzgehalt des Wassers, aber auch Kormorane und Robben. Von den Fischern weggefischt ist er auf keinen Fall." Andreas Harant, Fischer

Bestände sind nicht nur wegen Überfischung eingebrochen

Fischereibiologe  Uwe Krumme vom Thünen-Institut für Ostseefischerei

Fischereibiologe Uwe Krumme erforscht, warum die Dorsch-Bestände so stark eingebrochen sind.

Ein paar Kilometer weiter liegt das Rostocker Thünen Institut für Ostseefischerei, eine Bundesforschungseinrichtung. Dort untersuchen Wissenschaftler die Ursachen für den Dorsch-Schwund. Die Bestände seien nicht nur wegen der Überfischung eingebrochen. Und auch Kormorane und Robben seien nicht die wesentliche Ursache. Vielmehr litten die Fische zunehmend unter den Umweltbedingungen, haben die Wissenschaftler herausgefunden.

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Lebensbedingungen für Fische haben sich verschlechtert

Seit 2021 hat ein Forschungsteam die Bedingungen in der Ostsee untersucht, wie Fischereibiologe Uwe Krumme sagt. In einem großen Bereich in der Mecklenburger Bucht vor Boltenhagen wurden spezielle Messgeräte verankert und regelmäßig Wassertemperatur und Sauerstoffgehalt gemessen - ein Forschungsprojekt gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Ostseeforschung.

Das Ergebnis: Die Lebensbedingungen für die Fische haben sich verschlechtert. Während der Sommermonate ist das Wasser an der Oberfläche viel zu warm, in tieferen Gewässern ist der Sauerstoffgehalt zu dieser Zeit zu gering. Das sauerstoffarme Wasser breitet sich zudem in die höheren Schichten aus.

"Ab Mai, Juni sehen wir, dass sich der Sauerstoffmangel aus dem tieferen Becken den Hang hochzieht. Und dann trifft das warme Oberflächenwasser auf das sauerstoffarme Bodenwasser. Da ist kein Platz mehr für den Dorsch." Uwe Krumme, Fischereibiologe

Die Wissenschaftler sprechen von einer "Sommerzange". Die Dorsche haben dort keinen Raum mehr, in dem sie überleben können. Die Fische verlieren nicht nur ihren Lebensraum, sie sind auch zunehmend gestresst und werden insgesamt dünner, so die Beobachtung.

Auch dem Hering geht es schlechter

Anders als in der Nordsee gibt es für die Fische in der Ostsee keine Ausweichmöglichkeiten. Die Ostsee, ein Fast-Binnenmeer, ist nach Norden hin begrenzt. Auch auf den Hering hat die zunehmende Erwärmung Auswirkungen: Seit Jahren produziert der Heringsbestand weniger Nachwuchs. Wegen des wärmeren Wassers schlüpfen die Larven früher, zu dieser Zeit ist aber noch nicht genügend Nahrung vorhanden. Die Folge: Sie sterben - und das wirkt sich auf die Population aus.

Für die Entwicklung der Dorschbestände ist die Erwärmung der Oberwasserschicht der Haupttreiber - verursacht durch den Klimawandel, wie Krumme sagt. Den mangelnden Sauerstoffgehalt am Boden führt der Wissenschaftler auf zu viele Nährstoffe zurück. Die Ostsee sei überdüngt, Fachleute sprechen von Eutrophierung. Nährstoffe gelangen unter anderem durch die Landwirtschaft über Flüsse in die Ostsee.

Keine schnelle Besserung in Sicht

Insgesamt sind das keine guten Aussichten für den Dorsch. Zwar hat es zuletzt einen relativ kalten Winter gegeben. Wichtig sind aber die Wassertemperaturen im Sommer: Hier sieht der Fischereibiologe aber keine Anzeichen dafür, dass sich die Ostsee in den kommenden Jahren abkühlt - im Gegenteil.

"Mittelfristig, also in einem Zeitraum von fünf bis zehn oder 15 Jahren, gehen wir davon aus, dass sich der Dorschbestand nicht wieder erholen wird." Uwe Krumme, Fischereibiologe

Und damit könne der Dorsch auch nicht kommerziell gefischt werden. Es gibt übrigens zwei Namen für einen Fisch: In der Ostsee nennt man ihn Dorsch, in der Nordsee, im Nordatlantik und im nördlichen Pazifik heißt er Kabeljau.

Ein Filet vom Kabeljau und Zitronenscheiben auf einem Brett.

Was den Fischen in der Ostsee helfen könnte

Die Forschenden haben bereits Zwischenergebnisse in der Vergangenheit präsentiert. Die endgültigen Ergebnisse der Studie mit den gesammelten Daten soll noch in diesem Jahr fertiggestellt werden. Anfang kommenden Jahres ist die Veröffentlichung geplant.

Für den Wissenschaftler steht fest: Um die Situation für die Fische in der Ostsee zu verbessern, braucht es Maßnahmen an Land. Dazu gehören der schnelle Einstieg in die Post-Öl-Ära, weniger Nährstoffe durch eine gezieltere Düngung in der Landwirtschaft und natürliche Fluss-Systeme mit Überschwemmungsflächen.

Viele Herausforderungen für die Fischer

Um die Küstenfischerei in der Ostsee, aber auch in der Nordsee, zu erhalten, wird derzeit auch über eine veränderte Fischerei beraten. Im Frühjahr hat das Thünen-Institut dazu eine neue Informationsstelle in Hamburg eingerichtet. Die Fischerei soll unterstützt werden, sich langfristig wirtschaftlich tragfähig und ökologisch nachhaltig aufzustellen.

Die Herausforderungen für die Fischer sind groß: Viele werden wohl nicht nur mit reiner Fischerei Geld verdienen, sondern zusätzlich Seefahrten für Touristen anbieten oder Daten für die Wissenschaft sammeln.

Fischbrötchen-Verkauf als Alternative

Das hat auch Fischer Andreas Harant gemacht. Er selbst verdient nun sein Geld hauptsächlich mit dem Fisch-Verkauf an Land. An der kleinen Promenade am Alten Strom in Warnemünde steht sein Fisch-Verkaufswagen. Dort bietet er gemeinsam mit seiner Frau zum Beispiel Kabeljaufilet aus dem Nordostatlantik, Seelachs, Rotbarsch, Aal und mehr an. Der Fisch wird größtenteils geliefert. Nur einen Teil fängt er noch selbst.

Gerade steht eine Kundin am Wagen und lässt sich ein Fischbrötchen schmecken. "Achten Sie auf die Möwen", sagt Harant noch, bevor er den nächsten Kunden bedient.

Bei einer Klimastreik-Demo in Hamburg hält ein Junge eine Erdkugel, die weint.

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