"Off Campus zeigt eine sehr moderne Erzählung von Männlichkeit" (original) (raw)

AUDIO: Eishockey, Liebe, Klischees: Warum diese Serie trotzdem fesselt (5 Min)
Eishockey, Liebe, Klischees: Warum die Serie "Off Campus" fesselt
Stand: 10.06.2026 08:24 Uhr
Eishockey, Sehnsucht und moderne Männlichkeit: Journalistin, Podcasterin und Medienkritikerin Anja Rützel erklärt im Interview den Erfolg der Romance-Serie "Off Campus".
Serien-Gucken - zum Feierabend, zum Entspannen, zur Unterhaltung - das machen viele per Stream oder im Fernsehen. Der neuste Hype - glaubt man vielen begeisterten Zuschauerinnen - ist da eine US-Serie namens "Off Campus".
"Off-Campus" stürmt die Serien-Charts
Darin verliebt sich eine Musikstudentin in einen Eishockeyspieler, allerdings erst nur zum Schein. Die Coming-of-age-Story stürmt seit Wochen die Charts, erreichte weltweit innerhalb von zwölf Tagen mehr als 36 Millionen Views und überholte damit auch große Hits wie "The Boys", "Reacher" oder "Maxton Hall".
Was macht für Sie den besonderen Reiz dieser Serie aus?
Anja Rützel: Die Handlung ist es schon mal nicht. Die ist sehr konventionell. Auch mit den klassischen Schablonen, die bei solchen Romanzen angelegt werden. Hier der Fake Boyfriend dort der Supersportler, der sich in die schüchterne Nerdin verliebt. Man kann mit einer Checkliste dasitzen und abhaken, was alles klassischerweise an Ingredienzien in so einer Geschichte vorkommt.
Ich finde allerdings dieses Eishockey-Setting sehr interessant. Das ist ja eigentlich nicht der typische Ort, wo man sich verliebt. Das hatten wir gerade auch schon mal bei "Heated Rivalry". Da waren es zwei schwule Eishockeyspieler, die sich ineinander verliebt haben.
Was ist das Besondere an dieser Eishockey-Kulisse?
Rützel: Man kann diese Metapher von Männern in Panzern sehr wörtlich nehmen. Da ist einerseits die männliche Härte, die dieser Sport ausstrahlt. Die Körperlichkeit und Gewaltbereitschaft im Rahmen der Regeln. Die wird dann aber konterkariert.
Es wird gezeigt, dass hinter dieser Härte und unter diesem Panzer am Ende der verletzliche Mensch und der verletzliche Mann steckt. Der kann diese Härte im richtigen Moment, nämlich im Liebeskontext, dann ablegen und ist auf einmal ganz weich. Ich glaube, dass das eine sehr moderne Erzählung von Männlichkeit ist, die "Off Campus" zeigt. Männliche Attraktivität wird nicht über Dominanz erzählt, sondern durch Selbstkontrolle und so eine Weichheit. Dieser Kontrast macht es so spannend.
 und einem Drink | NDR / Daniel Kaiser")
Gibt es solche Männer?
Rützel: Ich bin ja nun eine ältere Frau und glaube, dass uns da ein schönes Märchen erzählt wird. Allein diese Szenen, in denen Garrett auf die Verletzlichkeit von Hannah eingeht und sagt: "Ich spüre gerade, dass du noch nicht das Vertrauen zu mir hast. Wir müssen jetzt noch nicht miteinander schlafen." Ich verstehe das. Man möchte gerne glauben, dass es diese Männer gibt. Ich glaube allerdings, dass es in weiten Teilen auch ein bisschen Fantasie ist.
Funktioniert diese Fantasie im Zusammenhang damit, dass es auf eine sehr konventionelle Art erzählt ist?
Rützel: Ja. Ansonsten würde die Serie ein bisschen überfordern. Wenn uns das jetzt noch durch wilde Erzählstrukturen präsentiert würde. dann wären wir alle überfordert. Insofern eigentlich alles richtig gemacht. Die Serie spielt in so einem College-Setting.
Warum sind gerade auch ältere Zuschauerinnen so begeistert von dieser Serie?
Rützel: Das ist für mich tatsächlich in Teilen ein Mysterium. Für viele heute erwachsene Menschen war die Schulzeit nicht unbedingt ein Ort der Freude. Im Nachhinein neigen aber Erwachsene dazu, diese Schulzeit zu verklären. Deswegen ist das so ein Sehnsuchtsort, den wir uns irgendwie konstruieren, indem wir uns einreden, dass früher doch alles ein bisschen leichter war.
Welche Rolle spielt diese Hochglanz-Ästhetik?
Rützel: Man muss natürlich das Ganze auch ein bisschen polieren. Das ist klar. Ich warte noch auf die Verfilmung eines Romance-Buches, wo die Darsteller, wie es heute so schön heißt - medium ugly - sind. Nicht richtig hässlich, aber nicht diese wunderschönen Menschen. Sondern vielleicht so, dass man sich da ein bisschen besser selbst reindenken kann.
Die Fragen stellte Franziska von Busse.
Die Serienchecks der Woche
Unsere Serienexpertin hat für euch die Serien "Kap der Angst" und "Not Suitable For Work" gecheckt. Was ihr beim Schauen durch den Kopf gegangen ist, erfahrt ihr hier.