Geplatzte Träume: THW Kiel und Flensburg-Handewitt im Frust vereint (original) (raw)
AUDIO: THW Kiel verliert Finale der European League - Eine Pleite mit Folgen (1 Min)
Handball
Stand: 01.06.2026 11:40 Uhr
Kein European-League-Titel, keine Champions League: Der THW Kiel hat beim Final Four das Finale verloren, die SG Flensburg-Handewitt scheiterte bereits im Halbfinale. Für die beiden schleswig-holsteinischen Top-Clubs war das Turnier in Hamburg der abschließende Alptraum einer titellosen Saison.
Die Spieler der MT Melsungen fielen sich jubelnd in die Arme, reckten den Pokal in die Höhe und feierten den ersten Titel der Vereinsgeschichte frenetisch mit den begeisterten Fans. Während die SG Flensburg-Handewitt den Hamburger Volkspark mit einem Bronzemedaillen-Set schon verlassen hatte, verfolgten die Akteure des THW Kiel die Siegerehrung hautnah und mit leerem Blicken.
Der hessische Erfolg in der European League war der Alptraum für beide schleswig-holsteinischen Top-Clubs. Sie mussten ihre Hoffnungen auf die lukrative Champions League kollektiv begraben. "Ich spüre einen großen Schmerz", sagte THW-Trainer Filip Jicha.
Jicha: "Meine Spieler haben gekämpft wie Löwen"
Der deutsche Rekordmeister stürzte am Sonntag besonders brutal. Mit rund 2.000 Fans im Rücken warfen sich die "Zebras" in ein intensives Endspiel, in dem spürbar war, dass es den Kontrahenten nicht nur um den Titel, sondern auch um das von der europäischen Handball-Föderation EHF ausgelobte Champions-League-Ticket ging. Wenig Tore, stattdessen viele harte Zweikämpfe - am Ende verlor der THW mit 23:24 gegen die MT Melsungen. "Ich bin stolz auf meine Spieler, sie haben gekämpft wie Löwen", meinte Jicha.
Mit dem letzten fast aussichtlosen Wurfversuch von Eric Johansson und dem Schlusspfiff war die erste titellose Saison seines Teams seit acht Jahren perfekt. Zudem versetzte die unsichere internationale Zukunft die Kieler in Schockstarre. "Mit der möglichen Champions-League-Qualifikation gab es für uns und die drei anderen Teilnehmer des Final Four die letzten Wochen einen Bonus der EHF", sagte THW-Geschäftsführer Viktor Szilagyi. "Nun haben wir auch unser letztes Saisonziel nicht erreicht, und wir müssen abwarten, was unser fünfter Platz in der Bundesliga bedeutet."
Kiel erstmals seit 33 Jahren nicht international dabei?
Nach Stand der Dinge wird der THW Kiel zum ersten Mal seit 33 Jahren an keinem der internationalen Wettbewerbe teilnehmen. Höchstwahrscheinlich wird Melsungen den deutschen Meister SC Magdeburg und die Füchse Berlin in die ab September erweiterte Champions League begleiten. Das Fragezeichen erlischt, wenn die Berliner definitiv Bundesliga-Zweiter werden.
Zwei Spieltage vor Schluss liegen die Füchse zwei Punkte und 59 Tore vor den Flensburgern und spielen am Donnerstag ausgerechnet bei der MT Melsungen. Die Konstellation ist paradox, denn mit einer Heimniederlage würden sich die Hessen eine "königliche" Zukunft im höchsten Vereinswettbewerb sichern.
Hintertürchen für den THW?
Laut EHF bekommt die Bundesliga in der ebenfalls reformierten European League in der nächsten Saison nur drei statt zuletzt vier Plätze. Die würden die SG Flensburg-Handewitt, der VfL Gummersbach und der Bergische HC erhalten, der Überraschungs-Vize im DHB-Pokal. Kiel ginge leer aus - es sei denn, es öffnet sich irgendwo und irgendwie ein Hintertürchen.
Am Wochenende wurde zwischen Funktionären und Experten viel über die genauen Regularien diskutiert und über Eventualitäten spekuliert. Endgültige Gewissheit gibt es wohl erst, wenn die EHF Ende Juni die Setzlisten für die nächste Saison veröffentlicht.
"Kann der Start für etwas Neues sein"
So oder so: Das Finaldrama war für die Kieler der emotionale Tiefpunkt einer verkorksten Saison. "Auch wenn es sehr wehtut, kann das alles der Start für etwas Neues sein", erklärte Jicha trotzig. "Wir befinden uns schon mitten in einem Umbruch - und der geht weiter."
Zur neuen Saison kommen der deutsche Nationalspieler Julian Köster und der slowenische Spielmacher Domen Makuc, ab 2027 verfügt der THW in Justus Fischer über einen weiteren vielsprechenden Akteur. Die Neuzugänge dürften Kiel ab dem Sommer auf ein neues Level hieven, der Weg zurück an die Spitze ist aber steinig. Magdeburg und auch die Füchse Berlin scheinen aktuell ein Stück weit enteilt. Und so sprach Rune Dahmke von einem "Paketschmerz. Die Champions-League-Quali stand über allem. Das hätte dem Verein und uns und der Stadt extrem viel bedeutet."
Wieder ein Rückschlag für Flensburg
Die SG Flensburg-Handewitt wird definitiv in ihre 32. Europapokal-Saison in Folge gehen. Am Wochenende war die Stimmung im Lager der Nordlichter aber ebenfalls mies. Nur sechs Tage nach der Stuttgart-Pleite war die 30:37-Niederlage im Halbfinale gegen Melsungen der zweite krachende Rückschlag. "Wir werfen in einer Woche zwei Mal das Champions-League-Ticket weg", sagte ein enttäuschter SG-Geschäftsführer Holger Glandorf.
Darf SG-Trainer Pajovic weitermachen?
Besonders eklatant war der Einbruch direkt nach der Pause. Melsungen zog gegen eine instabile Abwehr eine Offensiv-Gala auf und erzielte satte 22 Tore. "Wenn man alles probiert, aber nichts zum Erfolg führt, wird man immer nervöser", meinte Ales Pajovic. Direkt danach wurde der Flensburger Coach für eine Besprechung in die Kabine gebeten. Man darf gespannt sein, ob der Slowene seinen bis 2027 laufenden Vertrag erfüllen darf.
"Dieses Wochenende war eine doppelte Enttäuschung, weil es mit dem Titel und der Champions-League-Qualifikation nicht geklappt hat", bilanzierte Pajovic. "Wir werden nach der Saison alles analysieren, und es in der nächsten Saison besser machen."
Dann wird Johannes Golla nicht mehr dabei sein. "Wir haben zwar keinen Titel gewonnen, waren insgesamt in dieser Saison aber stabiler", meinte der Kapitän. Nach acht Jahren im hohen Norden wechselt er ausgerechnet zur MT Melsungen - und damit höchstwahrscheinlich in die "Königsklasse" der Handballer.