Stefanie Fischer: Rezension zu: Tobias Freimüller: Frankfurt und die Juden. Neuanfänge und Fremdheitserfahrungen 1945–1990, in: Medaon – Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung, 15 (2021), 29, S. 1–4, online unter http://www.medaon.de/pdf/medaon_29_fischer.pdf [1.12.2021]. (original) (raw)

Rezension: Alfred Bodenheimer: Ungebrochen gebrochen. Über jüdische Narrative und Traditionsbildung. Wallstein Verlag, Göttingen 2012, 122 S. Alfred Bodenheimer: Haut ab! Die Juden in der Beschneidungsdebatte. Wallstein Verlag, Göttingen 2012, 64 S.

Chilufim 15, 2013

CHILUFIM • ZEITSCHRIFT FÜR JÜDISCHE KULTURGESCHICHTE • 15/2013 207 Alfred Bodenheimer: Ungebrochen gebrochen. Über jüdische Narrative und Traditionsbildung. Wallstein Verlag, Göttingen 2012, 122 S. Alfred Bodenheimer: Haut ab! Die Juden in der Beschneidungsdebatte. Wallstein Verlag, Göttingen 2012, 64 S. Mit "Ungebrochen gebrochen" und "Haut ab!" legt Alfred Bodenheimer zwei Essays zur jüdischen Existenz heute vor, in denen die Gebrochenheit, bzw. sogar das Trauma als dessen wesentliche Momente benannt werden − ein Gedanke, der hoffentlich zum Widerspruch anregt. Ein Leitthema beider Texte ist das Verhältnis von Individualität und Kollektivität. In "Ungebrochen gebrochen" reflektiert der Autor jüdische Traditionsbildung, wobei das religionsphilosophische Konzept des Exils − was weit mehr bedeutet als unfreiwillige Migration − im Zentrum steht. Der gesamte Essay formuliert ein Paradoxon, das Bodenheimer als Movens des Judentums durch die Zeiten versteht; er will "die fortlaufende Spannung einer defizienten oder auch geradezu prekären Konstellation des Judentums als Gewähr seines Fortbestands und Grundlage dessen [zu] benennen und sichtbar [zu] machen, was auch im Blick auf die diversifizierte Welt von heute als das ‚Jüdische' benannt werden kann, *…+" (Ungebrochen, S. 12). Der Autor räumt selbst ein, dass dieser kaum freudevolle Gedanke "psychohygienisch problematisch" (Ungebrochen, S. 40) sei, mit anderen Worten: schmerzlich und gefährlich für das Individuum, das seine eigenen Interessen im Widerstreit mit denen des Kollektivs wahrnimmt. Bodenheimer zeigt nun das kontinuierliche − eben ungebrochene − Vorhandensein dieser "prekären Konstellation" anhand der vielfältigsten jüdischen Diskurse auf: Er präsentiert rabbinische und mittelalterliche Bibelauslegung und Philosophie, aber auch Aspekte neuzeitlicher und moderner religionspolitischer Auseinandersetzungen, sowie Einblicke in

IFB-Rezension Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft II / hrsg. von Hans-Joachim Hahn und Olaf Kistenmacher. - Berlin ; München [u.a.] : De Gruyter Oldenbourg. - Antisemitismus in Text und Bild - zwischen Kritik, Reflexion und Ambivalenz. - 2019.

; 37).-ISBN 978-3-11-053970-7 : EUR 119.95 Ergänzend zu dem 2015 erschienenen ersten Band über Beschreibungs-versuche der Judenfeindschaft 1 erscheint hier ein zweiter, der einen et-was unsystematischeren Eindruck macht. Waren im Vorgängerband Beiträ-ge enthalten, die sich mit Autoren des 18. bis 20. Jahrhunderts wie z.B. ; 20).-ISBN 978-3-11-033905-5 5 : EUR 99.95.-IFB 15-4 http://ifb.bsz-bw.de/bsz417014902rez-1.pdf-Siehe zum Thema auch Theorien über Juden-hass-eine Denkgeschichte : kommentierte Quellenedition (1781-1931) / Birgit Erdle, Werner Konitzer (Hg.) ; mit Beiträgen von Irene Aue-Ben-David ...-Frank-furt am Main : Campus, 2015.-(Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts ; Bd. 26). http://ifb.bsz-bw.de/bsz452108322rez-1.pdf?id=7508 2 Ein anderer Blick : Saul Aschers politische Schriften / Bernd Fischer.-Wien [u.a.] : Böhlau, 2016.-194 S. : Ill. ; 25 cm.-ISBN 978-3-205-20263-9 : EUR 40.00 [#4982].-Rez.: IFB 17-1 http://informationsmittel-fuer-bibliotheken.de/showfile.php?id=8296-Saul Ascher : Berliner Aufklärer ; eine philosophiehistorische Darstellung / William Hiscott. Hrsg. von Christoph Schulte und Marie Ch. Behrendt.-1. Aufl.-Hannover : Wehrhahn, 2017.-797 S. : Ill. ; 23 cm.-(Berliner Klassik ; 23).-ISBN 978-3-86525-552-5 : EUR 48.00 [#5303]. Rez.: IFB 17-3 http://informationsmittel-fuer-bibliotheken.de/showfile.php?id=8484 3 Über die bürgerliche Verbesserung der Juden / Christian Wilhelm Dohm.

Jakob Stürmann: Rezension zu: David Jünger: Jahre der Ungewissheit. Emigrationspläne deutscher Juden 1933–1938, in: haGalil, 15.06.2016.

Aus der Perspektive der jüdischen Bevölkerung stellt er die ersten sechs Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft ohne Bezugnahme auf den kurze Zeit später folgenden Zivilisationsbruch der Shoa dar. Mit der Fokussierung auf diese Zeitspanne wählt Jünger eine in der aktuellen Forschung ungewöhnliche Perspektive, befassten sich die meisten Forschungsprojekte zum deutschen Judentum der letzten Jahre entweder mit der Zeit der Weimarer Republik oder der Judenvernichtung nach 1938. Jünger ist mit dieser zeitlichen Fokusverschiebung in eine neue Generation von Historikerinnen und Historiker einzuordnen, die nach Kontinuitäten und Brüchen zwischen dem Ende der Weimarer Republik und der Machtergreifung der Nationalsozialisten fragen.[1] [1] Den gewählten Betrachtungszeitraum bezeichnet er in seiner als Publikation vorliegenden Dissertation als " Politik der Entrechtung " und grenzt ihn von der 1938 beginnenden " Politik der Vertreibung " (S. 24) ab. Die quantitativen Zahlen, hinter denen jeweils individuelle Schicksale stehen, bezeugen die Relevanz der Studie: Bis 1938 emigrierten ungefähr 150.000 der 550.000 im Jahr 1933 in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden, ein Großteil verblieb demnach trotz nationalsozialistischer Machtübernahme in Deutschland. (S. 13) Der Frage nach der Entscheidungsgrundlage für oder gegen eine Emigration geht Jünger in seiner Forschung nach. Die Arbeit ist in drei Hauptkapitel unterteilt, in denen jeweils zwei Jahre als gemeinsamer Zeitabschnitt betrachtet werden. Der quantitative Schwerpunkt liegt hierbei auf den ersten beiden Kapiteln, die die Entwicklung der Jahre 1933 bis 1936 beschreiben. Betrachtet wird die Debatte um Emigration deutscher Jüdinnen und Juden auf vier Ebenen: den öffentlichen Debatten in Zeitungen und anderen Publikationen, den institutionellen Planungen durch jüdische Hilfsvereine, den Verhandlungsbemühungen zwischen jüdischen Institutionen und Einzelpersonen mit deutschen Behörden, sowie durch die Betrachtung individueller Lebensplanungen, die aus Tagebüchern oder anderen zeitgenössischen Notizen rekonstruiert werden konnten. (S. 15f.) Umrahmt wird die Analyse durch die Beschreibung der politischen Ereignisse auf nationaler und internationaler Ebene. Im ersten Hauptkapitel zeigt Jünger, dass ein Großteil der deutschen Jüdinnen und Juden den 30. Januar 1933 nicht als eine epochale politische Veränderung des Lebens in Deutschland wahrnahmen. Die nationalsozialistische Machtergreifung wurde von ihnen vielmehr als eine in verschärfter Form auftretende Kontinuitätslinie einer Krise der jüdischen Emanzipation in Deutschland eingeschätzt, die in der Endphase der Weimarer Republik begann. (S. 115) Unterschiedliche jüdische Organisationen und Repräsentanten bemühten sich von Beginn an trotz aggressiver antisemitischer Rhetorik um " Möglichkeiten einer realpolitischen Verständigung " (S. 143) mit den nationalsozialistischen Staatsstrukturen. Liberale, zionistische und orthodoxe Organisationen versuchten durch Korrespondenz und persönliche Beziehungen einen Kommunikationsweg zu staatlichen Stellen zu finden, um gesetzliche Regelungen in Bezug auf den Umgang mit Jüdinnen und Juden in Deutschland festzuschreiben. Jünger sieht diese Entwicklung im Erfahrungsraum des damaligen jüdischen Lebens begründet, der sich aus den Lebenswelten der vergangenen Jahrhunderte, der " historisch verbürgte[n] Annahme einer Ungleichzeitigkeit von antisemitischer Propaganda und konstruktiver Realpolitik " (ebd.) und aus der Situation der jüdischen Bevölkerung in Mittelosteuropa seit Ende des 19. Jahrhunderts ergab. Im Gebiet des Russischen Zarenreichs war für die seit den 1880er Jahren durch Pogrome immer wieder bedrohte haGalil » Jahre der Ungewissheit » Print

Book Review (2016), Das literarische Vermächtnis jüdischer DPs: Eine Doppelrezension., Sammelrezension, in: Medaon – Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung, 10 (2016), 19, S. 1–7, online unter http://www.medaon.de/pdf/medaon_19_Springborn.pdf [25.11.2016]

In den unmittelbaren Folgejahren des Zweiten Weltkriegs lebte ausgerechnet im Gebiet des besetzten Deutschlands eine kurzlebige und vielfältige ostmittel- und osteuropäisch-jüdische Kultur auf. Erst seit den neunziger Jahren widmet sich wissenschaftliche Forschung verstärkt der Geschichte der jüdischen sogenannten "Displaced Persons", die aus ihrer ehemaligen Heimat in Ost(mittel)europa gerissen, nun zu Tausenden in DP-Lagern, vor allem der britischen und amerikanischen Besatzungszone Deutschlands, oft über mehrere Jahre hinweg auf eine Möglichkeit zur Auswanderung warteten. Speziell den literarischen Erzeugnissen dieser Transitkultur widmen sich zwei Publikationen der letzten Jahre.